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Bentheim

und der

Herrgott von Bentheim.

Eine Beschreibung des Schlosses

und ein Versuch zur Herleitung des Namens “Bentheim”

und des Ausrufs “Herrgott von Bentheim”

von

Th. Hacke.

Osnabrück.

Druck von J. G. Kiesling.

1898.


 

Alle Rechte seitens des Verfassers vorbehalten.

 


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INHALT

 

I. Das Schloß Bentheim 5

II. Der Name Bentheim 13

III. Der Herrgott von Bentheim 33

 

 


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I. Das Schloß Bentheim

 

 


 

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Steil, doch nicht gar beschwerlich, steigt der Pfad zu der Burg an,
Wohlgepflastert in Stein, aus erratischen Blöcken gewonnen.
Seitlich säumen den Pfad zwei Stege, mit Platten geebnet,
Für den Wandrer bequem und trocken und leicht zu ersteigen.

[5.] Sonnig strahlt uns entgegen das Urgemäuer der Felsburg,
Dem natürlichen Fuß die Felsen und Klippen bereiten;
Trotzig und fest im Gefüge, gewaltig in Stärke und Aufbau
Wachsen die Mauern empor und deuten auf starke Geschlechter.
Stark in der That war das Volk, dem die Gründung der Mauern man zuschreibt,

[10.] Soll ja von Drusus selbst der erste Urgrundstein gelegt sein.
Stark ja fürwahr war das Volk, das die Mauern und Burg hier gegründet,
Stärker als jenes sie selbst, die noch heute den Mächtigsten trotzen.

Hat man in Muße erklommen den vorbeschriebenen Fußpfad,
Ladet zu weiterem Gang und zum Eintritt zur Burg das Thor ein.

[15.] Dieses aus Felsen gehauen, zum Theil auch in Mörtel gefuget
Trägt das Pförtner-Gelaß und des Untergerichtes Gemächer.
Ueber dem Bogen des Thors prangt scharf aus Sandstein gemeißelt,
Wappen und Gräfliches Schild; sie zeigen uns deutlich wie ehmals
Mächtig mit vielem Gebiet die Gräfliche Herrschaft belehnt war.

[20.] Steigend durchschreiten das Thor wir, begierig nun weiter zu forschen.
Siehe ein liebliches Bild eröffnet sich lockend dem Auge.
Nach dem Schatten des Thors und seiner feucht-dunstigen Zugluft
Strahlt uns entgegen der Glanz einer blumig-sonnigen Landschaft,
Diese erfüllt das Gelände, das jetzt zum zweiten Thor ansteigt.

[25.] Weilen ein wenig wir hier und schauen die schöne Umgebung:
Rasen im saftigen Grün, von schlängelnden Wegen durchqueret,
Tragen den duftigsten Flor vielfältiger Blumen und Stauden;
Ueppig in himmlischer Pracht, eine Auslese seltener Arten,
Ueberraget die Flur hochstämmiger Rosen Bouquet-Strauß.

 

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[30.] Nicht war hier vor Jahren so lieblicher Anblick wie heute.
Zwischen den beiden Thorpforten auf eben genannten Gelände
Hat wohl des Oeftern getobt des Kampfes wildernste Bewegung,
Wenn man das zweite der Thore nach erstem gefall’nen berennet.
Nördlich und gleichfalls gen Osten – wir traten vom Süden zur Burg ein -

[35.] Wird die gar liebliche Landschaft von hohem Gemäuer umfriedet.
Steil und hoch ist der Fels, der der Mauer auch hier bietet Fußpunkt;
Gähnend aus dunkeler Tiefe ist kaum zu erkennen der Waldgrund;
Und nicht Franzmann nicht Franke erklettert’ hier jemals die Veste.

Von der blumigen Au, bald hinter dem unteren Thore
[40.] Führet zum Grunde hinab in der nördlichen Mauer die Treppe.
Ausfalltreppchen zur Zeit, da Belagerte wagten den Ausfall,
Führt es den Wanderer heut in den Waldgrund, jetzige Wildbahn.
Diese umziehet im Kreis von Osten, durch Norden nach Westen
Jene Seite der Burg, wo die Felsen fast himmelhoch anstehn.

[45.] Hier herrscht heilige Ruhe, im Sommer behagliche Kühlung,
Urwald, feuchtes Gestein mit Farren und Schlingwerk verwachsen,
Hängendes Felsengeklüft, vermoderte Stämme im Epheu,
Hier und da wohl ein Specht, ein Häher, ein Eichhorn, die Taube,
Alles der Sonne entrückt, so zeichnet sich treulich die Wildbahn.

[50.] Eilen wir, um nicht zu lang uns dem Gang auf die Burg zu entziehen
Durch die Wildbahn hindurch bis im Westen die Lichtung sich kund giebt.
Staunend starrt der Blick, und der Wanderer zögert im Schritte.
Abseits vom Fuße der Burg doch auf hoher Zacke des Berges
Thürmt sich ein Felsenkoloß, das uralte Zeichen der Burg selbst.

[55.] “HIC DRUSUS DIXIT TUBANTIBUS JURA” liest man
Eingehauen im Stein, die Schrift gab dem Felsen den Namen,
“Drususfelsen”, so sagt man, doch auch “Ohrkissen des Teufels”
Wird der Koloß genannt, auf Grund der bestehenden Sage.
Durch die Bahn jetzt zurück und die Treppe hinauf zu dem Garten,

[60.] Wo im Schauen der Pracht vor dem zweiten Thor wir verweilten.
Links biegt hier sich der Pfad, doch immerfort steigend zugleich auch,
Und wir nahen dem Thor, dem zweiten von uns so genannten.
Frühere Forscher besagen, daß hier ein anderes Thor noch
Einst soll haben gestanden, mit Graben und Brücke bewehret

[65.] Vor diesem jetzigen Thor, das als zweites und letztes zur Burg führt.
Rechts dieses Thores erhebt sich gleich hinter dem früheren Graben

 

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Kirche und Thurm Katharinens, der Schloßkirche hohen Patronin.
Links schließt Mauer an Mauer und Zinne an Plattform sich fest an,
“Bögelbahn” hieß man den Bau, für die Schützen errichtet,
[70.] Welche mit Bügelgewehr und später mit Funkenrohr wehrten
Plattform und Kirche sind leer, denn der Frieden beglücket die Lande,
Und für die Kirche der Burg sind im Orte zwei Kirchen gegründet.
Hinter dem Thor nun entwickelt sich weit und geräumig der Schloßplatz,
Groß wohl genug für ein Heer, das die sämmtliche Grafschaft beschützte.
[75.] Aber vom Kriegsgetümmel, vom Lärm der Waffen herrscht Ruhe.
Freundlich ist er gestaltet der Plan der alten Turniere.
Wo einst die Hufe der Rosse den Staub aufwirbelten kraftvoll,
Reisige standen auf Posten, gewärtig des blutigen Auszugs,
Grün ist jetzt in der Runde besäumt mit Bäumen die Fläche,
[80.] Wege durchkreuzen die Flur, die im Rasen und Blätterwerk schimmert.

Alter Zeiten gedacht ist durch Aufstellung mancher Antiken
Gleich links hinter dem Thor fällt der Blick auf alte Geschosse,
Die vom Feinde gesandt, an schlimme Zeiten erinnern;
Aus zerschoss’nem Gestein, aus Trümmern und Erdschutt gegraben
[85.] Liegen gesammelt sie hier und verkünden die Schrecken der Zeiten.
Doch auch ein friedliches Bild und die Tröstung in jeglichen Leiden
Strahlt aus dem Blattwerk hervor; es ist der Heiland am Kreuze.
Roh gemeißelt in Stein, doch wohl von erheblicher Größe
Fand man das Kreuz vergraben im Kreuzkamp südlich von Bentheim.
[70.] Wann dies geschehen, ist nicht bekannt, doch sagen die Forscher,
Daß an die tausend Jahre der Ursprung des Kreuzes zurückreicht.

Ueber dem zweiten Thor war die Wohnung des Schloßcommandanten,
Rechts und links war die Wache, und weiterhin links war die Schmiede.
Zwischen Schmiede und Wache erhob sich das prächt’ge Kanzleihaus;
[95.] Dieses ist siebzehnhundert und neunzig und fünfe zerschossen,
Als mit Mühe der Franzmann die kleine Besatzung bekriegte.

Schreiten wir weiter nach links fällt auf uns der mächtige Bergfried,
Der in älteren Zeiten der “SCHORVEDE THORN” genannt war,
“Pulverthurm auch heißt er, ein festes Refugium allzeit.
[100.] Denn die Mauern sind stark wohl mehr als vier ein halb Meter,
Zwanzig Meter ist hoch der Thurm von dem Schloßplatz zur Spitze.
Treppen führen hinan zu dem Riesen und auch zu der Brüstung,
Welche mit Zinnen geziert, die Scharten für Schießgewehr zeiget.

 

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“SCHARPEN HÖVEL”, so nennt man die Fläche, die hier sich erstrecket
[105]. Und die verbindet als Plattform den Thurm mit dem Thurme gen Westen.
Hier an die Plattform gestellt erstreckt sich ein neueres Langhaus,
Dieses und westlich der Thurm, sie enthalten die Wohnung des Fürsten.
Stark wie des Bergfriedes Bau ist gleichfalls der Thurm hier gestaltet,
Welchem ursprünglichen Zweck er gedient läßt schwer sich entscheiden;
[110] Oben enthält, wie gesagt, das Stockwerk Fürstliche Wohnung,
Unten und auch in der Mitte ist je ein festes Gewölbe.
“Pinigekeller wird auch der untere Raum wohl benennet,
Sind in barbarischer Zeit doch Menschen zu Tode gequält hier.
Unten zu ebener Erde im Langhause waren die Ställe,
[115] Oben die Soller für Korn und sonstige Futtergelasse.
Neben dem Thurme im Westen befand sich das bessere Wohnhaus;
Die “Gallerie” mit Namen, enthielt den Speisesaal oben,
Mehrere Säle zudem, und unten die Küche und Andres.
Dieses Gebäude fiel auch den Kanonen des Franzmann zum Opfer.
[120] Aber in kürzester Frist wird ein Prachtbau wieder am Platz sein,
Der das Alte ersetzt und den Thurm mit der Kronburg verbindet.
Kronenburg ist der Name des ältesten Theiles des Schlosses,
Wohl ist verfallen auch dieser, doch schon ist der Aufbau im Werke.
Da wo die westliche Grenze des Schlosses die nördliche ecket,
[125] Sind wir zugleich an dem Ort, wo die Wildbahn westlich sich lichtet,
Grad wo der Burg gegenüber des Drusus Felsen emporstrebt.
In dieser äußersten Ecke der Kronburg, so wird behauptet,
War in vorchristlicher Zeit ein Tempel der Heiden errichtet -
- Ob TANFANA vielleicht, ob ein anderer Tempel wahrscheinlich -
[130] Tacitus spricht nicht dagegen, wenn erstere Deutung gewählt wird.
Achthundert Jahr nach Christi Geburt ist der Tempel gefallen,
Und auf der Stelle daselbst, wo die Heiden den Götzen verehrten,
Ist der erste Altar, der Altar des Antonius gegründet;
Diesem folgte dann später Kathrinens Kirche am Burgthor.
[135] Mehrere Flügelgebäude umsänmten den Raum des Altares;
Prunkgemächer und Säle, der Kunst und den Festen gewidmet,
Für die Archive die Kammern, zum Wohnen die Zimmer der Gäste,
Und wohl noch sonstige Räume umfaßten die Mauern der Kronburg.
Quer von Norden nach Süden gestreckt und östlich der Kronburg
[140] Hätte, so meint man, ein Bau noch gestanden, das Haus für die Frauen.

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Hinter der Kronenburg, wir schreiten von Westen nach Osten-
Liegt in der nördlichen Mauer ein Treppchen zum Abstieg verborgen,
Dieses hat gleich wie das erste zum Ausfall im Kriege gedienet.
Außer dem Brunnen, der tief mit unerschöpflichem Wasser
[145] Hier an der Mauer sich zeigt, gewahren wir weiter kein Bauwerk.
Früher, so sagt man, sind hier noch Ställe für Pferde gewesen.
Nun noch wenige Schritte und wiederum zeigt sich die Wache,
Hinter der Wache das Thor, durch welches die Burg wir betraten. -

Haben wir nun in dem Rundgang Alles genau uns betrachtet
[150] Lenken den Schritt wir zurück zu des Bergfrieds hohem Gemäuer.
Wohl nicht ermüdet vom Sehen, nicht schlaff in den Gliedern vom Wandern,
Geistig wie körperlich frisch, verlangen wir dennoch nach Ruhe.
Ist es uns doch als wenn wir die Rüstung des Ritters getragen,
Oder als hätte das Thor man vor feindlichem Ansturm geschlossen.
[155] Enge umgeben von massigen Mauern, die Menschen erbauten,
Um der Gefahr zu wehren, mit welchen die Mitmenschen drohten,
Fesselt uns gegen den Willen ein Ahnen der früheren Angstzeit,
Und wir möchten entflieh’n zu den Menschen in friedlicher Arbeit,
Möchten die Wunder, die Gott so vielfältig draußen geschaffen,
[160] In der Natur und frei jenseits der Burg wieder schauen!
Hurtig die Treppe hinan, die zur Brüstung führet am Bergfried;
Wenn auch nicht ohne Beschwer so erreichen wir bald doch die Plattform
Und dort wieder die Welt, die weite, nach der wir uns sehnten.
In die belebteren Straßen der Stadt zu den Häusern und Villen
[165] Kehret zurück unser Blick, wir schauen den Himmel, die Weiten,
Lachende Fluren und Wald, im Hintergrund Hügel und Städte.
Welch Panorama fürwahr! Ein Gegensatz wohl sondergleichen
Zu dem verlassenen Platz des Burghofes zwischen den Mauern.
Aber Contraste sie sind es, die Leben und Seele erfrischen,
[l70] Ohne das Dunkel der Nacht, ohne Sorgen und Krankheit und Kummer
Sähen die Helle wir nicht, ergötzte den Menschen nicht Wohlsein,
Und er verkümmerte schier in der Wüste mit goldenem Sande. -

Steigen wir höher hinauf, der Bergfried winkt uns zur Seite,
[175] Manche Stufe wohl noch, doch die Mühe verlohnet die Aussicht.
Sieger fühlen wir uns, da den Nacken des Riesen wir treten,
Herrscher dünken wir uns in dem Anblick der weiten Gefilde.
Nannten am Fuße des Thurms wir das dortige Bild Panorama

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So umstrahlet uns hier ein hochvollendetes Rundbild.
Vordergrund sind uns die Felsen, die Mauern, die Dächer des Schlosses
[l80] Mit ihren scharfen Details, den Klippen und Zinnen und Thürmchen,
Südlich und rechts der Ausfahrt zeigt sich die “Schlinge” und Linde,
Welche in älteren Zeiten Gericht und die Freiwacht schützten,
Links von dem Wege die Tränke, ermatteten Rossen ein Labsal
Und im Norden die Wildbahn, kräftig und dunkel in Färbung.
[l85] Weiter entfaltet sich prächtig zum Mittelgrund südlich das Städtchen;
Röthlich die schimmernden Dächer verzeichnen die Reihen der Häuser
Und in verschiedenen Stufen erhebt sich der Straßen Terrasse.
Blühende Gärten begrenzen die äußersten Zeilen der Straßen
Und hinter Lindenalleen ist freundlich die Kirche zu schauen.
[l90] Nördlich begrenzet den Vorgrund weithin verdämmernder Hochwald,
Eichen in rissigem Kleide mit knorrigem Haupt und Geäste
Bilden in dichtem Gestrüpp die urwaldähnlichen Forsten.
Hier finden Hirsche und Rehe noch Ruhe und reichliche Nahrung,
Wenn auch die Pfeife der Kreisbahn öfter die Waldruhe störet.
[l95] Oestlich und westlich erstreckt sich der Berg, dessen Rücken die Burg trägt;
Reich an berühmten Gestein, das zu Bauten und Bildwerk den Stoff giebt,
Und mit Brüchen bedecket, dem fleißigen Manne Erwerbsquell. -

Ringsum verläuft das Gemälde in Wiesen und Triften und Buschwerk,
Aecker mit goldenen Saaten durchwirken die grünliche Fläche,
[200] Die von so manchem Gehöfte nach Art eines Teppichs bestickt wird.
Kräuselnder Rauch einer Esse verräth’t uns das Haus in der Dickung,
Während ein röthliches Dach auf schattigem Grunde sich abhebt.
Wo in der bläulichen Ferne die Erde dem Himmel sich nähert,
Grüßen die Schlote der Städte, die Kirchen der Dörfer herüber. -

[205] Möchte den Fluren des Bildes, das hier wir versuchten zu schildern,
Gottes Segen nie fehlen und dauernd der Frieden vergönnt sein!
Dankbar sind wir dem Fürsten, den stets getrieben der Kunstsinn,
Altes sowohl zu erhalten, wie Neues in Schönheit zu fördern.

Schon vollendete Theile des vorgesehenen Neubaus
[210] Lassen erkennen die Liebe und weiter das hohe Verständniß,
Welche den Fürstlichen Herrn im Verfolg seiner Arbeiten leiten.

Möge die fertige Burg noch viele Geschlechter erfreuen!

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II. Bentheim.

 

 

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Wohl zu allen Zeiten finden wir in den gebildeten Gesellschaftskreisen das Bestreben: die Namen von Orten, Menschen und Gegenständen auf ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen; man möchte aus Lage und Eigenthümlichkeit, aus dem Wesen oder der Beschäftigung, aus dem Bestimmungs-

oder Gebrauchszweck, oder der Entstehungsart des Gegenstandes den Grund und die Veranlassung zur Namensgebung erkennen und festlegen. Man bemüht sich, wie die Beispiele vergangener Zeiten es zeigen, Jahre lang und sogar Jahrhunderte hindurch, gewisse Namen, die besonders interessiren, und deren Erklärung allerdings auch für geschichtliche Forschungen von hohem Nutzen sein könnte, zu etymologisiren und in ihre Wesenheit zu zerlegen.

Dieses Bestreben wird auch erst mit der sicheren Auffindung einer allseits anerkannten Erklärung eines Namens bezüglich der in Frage stehenden Person oder Sache sein Ende nehmen.

So haben nun auch die verschiedenen Geschichtsschreiber der Grafschaft Bentheim den Namen Bentheim zu erklären versucht, jedoch ist es noch keinem in einer anerkannt richtigen oder auch nur gültigen Weise gelungen, zum Ziele und zum endlichen Abschluß zu gelangen.

Es möge daher dem Verfasser dieses gestattet sein, auch seinerseits einige Ansichten über beregten Gegenstand zu

 

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äußern und seinen Versuchen einer Erklärung des Wortes “Bentheim” einen Versuch zur Erklärung, zur Herleitung des Ausrufes: “Herrgott von Bentheim” beizufügen.

Sehen wir zunächst, was frühere Schriftsteller und Schreiber einer Geschichte der Grafschaft Bentheim über die Erklärung des Namens Bentheim gebracht haben.

Die älteste Geschichte der Grafschaft Bentheim, welche in einer chronologischen Verzeichnung der Bentheimer Grafengeschlechter bestanden haben soll, ist im 17. Jahrhundert von dem Gräflich Bentheimschen Kanzler Gisbert Pagenstecher geschrieben; sie scheint verloren gegangen zu sein und ihr Inhalt ist daher auch unbekannt geblieben.

Dann folgt in lateinischen Versen eine Genealogie und poetische Verherrlichung der Grafen von Bentheim, das Werk von Hachenberg, betitelt: TUBANTUS REDIVIVUS. Dieses im Jahre 1663 herausgegebene Buch ist noch in wenigen Exemplaren vorhanden.

Hiernach folgt die Geschichte von Rump, welche im Jahre 1728 geschrieben, nicht gedruckt wurde, als Manuscript sich noch in den Händen eines der Nachkommen befinden möchte, als Abschrift sich aber in der Königlichen und Provinzial-Bibliothek in Hannover und in einem zweiten Exemplar in der Bibliothek Sr. Durchlaucht des Herrn Fürsten von Bentheim vorfindet.

Sodann kommt das durch eine sorgfältige Sammlung alter Urkunden und ein tiefes Studium aller auf die Geschichte bezüglichen Einzelheiten ausgezeichnete Werk von Jung, welches aus dem Jahre 1773 in lateinischer Sprache geschrieben ist.

Auf Jungs Geschichte stützt sich vielfach, besonders betreffs der Urkunden und auch aus Rump, die Geschichte der Grafschaft von Raet van Bögelskamp, im Jahre 1805

 

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erschienen; dann folgt weniger voluminös das in holländischer Sprache verfaßte Buch Über die Grafschaft von Visch, Pastor in Wilsum, aus dem Jahre 1820 und zuletzt aus dem Jahre 1879 Möllers Geschichte der Grafschaft Bentheim. Diese Geschichte ist wieder sehr umfangreich, sie bemüht sich viel um die katholisch-kirchlich-politischen Interessen und bringt Einzelheiten und Inschrifts-Abschriften über die Kirchen der Grafschaft.

Hachenberg hält nun den Namen “BENTHEMIENSES” als gleichbedeutend mit dem Namen der Bewohner der jetzigen Landschaft Twente, der TUENTANI, und leitet ihn von den Tubanten ab, dem wir gern beistimmen möchten.

Nicht aber können wir, weil jegliche Begründung fehlt, Hachenberg darin beipflichten, daß die Tubanten ihren Namen von einem Heros: “TUBANTOS” entlehnt haben könnten und von dem auch Jung sagt: QUI IN RERUM NATURA NUNQUAM EXSTITIT, ET SOLIUS POETAE NOSTRI INGENIO ORIGINEM SUAM DEBET.

Die in dem Werke von Jung citirten Geschichtsschreiber westfälischer Geschichten sind der Mehrzahl nach der Ansicht, daß, wie Tacitus angiebt, die Tubanten nur zwischen der Issel und Ems ihren Wohnsitz hatten, nämlich zwischen den Bructerern, Usipeten, Chamaven und Ansibariern, bezüglich, daß nur dieses eine Volk der Tubanten hier seßhaft gewesen sei.

Hiernach würde also die Wahrscheinlichkeit, daß der Name “Bentheim” von diesen Tubanten herkommen könne, eine größere sein.

Dagegen vermeint der auch von Jung citirte Altingius, daß alle mit der Silbe BENT oder BANT endigenden oder beginnenden Ortschaftsnamen mit dem Namen der Tubanten zusammenhängen möchten, wonach dann die Tubanten ein

 

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weit verbreiteter oder ein Volksstamm gewesen sein müßte, der viel vertrieben und hin und her geworfen wurde.

Dem widerspricht Jung; Jung giebt aber eine eigene Erklärung Über den Ursprung des Namens Bentheim nicht ab, er neigt jedoch der Ansicht hin, daß er mit den Tubanten zusammen hängen möge.

Wir wollen jedoch nicht unerwähnt lassen, daß im Jung noch der Name TUBANTE mit BANDE, soviel wie RäuberBANDE, zusammengebracht, auch eine Ableitung aus BENT, soviel wie “Binse”, citirt wird.

Wenden wir uns nun zu Raet van Bögelskamp, der 1805 seine Geschichte schrieb. van [sic!] Bögelskamp bemerkt gleich zu Anfang seines Werkes: “Die heutige Grafschaft hat ihren Namen vom merkwürdigen Schloß Bentheim. ”

Das allein möchten auch wir für zutreffend halten, sofern wir unter Schloß Bentheim nicht nur die Burg, sondern den ganzen Berg oder Hügel, worauf die Burg  gegründet ist, verstehen wollen. Das thut aber van Bögelskamp nicht, sondern, nachdem er zwischendurch auf die Vermuthung kommt, es möchte auch wohl “der Vorfahren einer ein Graf “BENTO” gewesen sein, meint er nachher wiederum, daß dieses hohe Heim oder Haus als feierlicher Lagerort
der Tubanten seinen Namen aus “BANTHEIM”, “das ist festes Heim oder Haus” erhalten haben möchte.

Der Geschichtsschreiber Visch und gleichfalls Möller sind der Ansicht, daß Bentheim seinen Namen von den Tubanten als deren Hauptort erhalten haben möchte.

Wir sagten schon, daß wir mit Bögelskamp dafür halten möchten, daß die heutige Grafschaft Bentheim wahrscheinlich ihren Namen von dem Schloßberge Bentheim, nicht aber dieser seinen Namen von der Grafschaft empfangen habe. Wie aber die Grafschaft ihren Namen von dieser

 

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Oertlichkeit, dem Burgberge, so möchten wir glauben, haben die Tubanten ihren Namen von den bergartigen Hügeln, auf welchen die Burg, das Schloß, gegründet ist, entnommen, oder wohl richtiger: es haben die den Tubanten umliegenden Völkerschaften demjenigen Volke den Namen der Tubanten gegeben, welches bei und auf dem BANTEN oder BENTEN, später sogenannten Bentheimer Berg sich angesiedelt hatte.

Die Endsilbe “heim” werden wir zur weiteren Erklärung des Wortes Bentheim zunächst außer Acht lassen dürfen. Das wird gestattet sein, weil das “heim” als eine neuere, nicht als eine altgermanische und ursprüngliche Bezeichnung für Haus, angesehen werden muß und weil wohl angenonnnen werden kann, daß die Endigung “heim” erst von den Grafen, als sie unter Karl dem Großen ihre Burg gründeten, und nachdem sie eine Zeit lang wirklich auf ihr heimisch geworden waren, in den Sprachgebrauch und zwar durch Anhängung an das Stammwort BENT oder BENTHEN, eingeführt worden ist.

Wir glauben das auch aus den Urkunden der Geschichte von Jung gewissermaßen belegen zu können.

In einer Urkunde vom Jahre 1233 wird der Graf Otto ein COMES DE BENETHEN genannt.

1207 wird in einer Urkunde des Bischofs THIDERICUS von Utrecht der Graf: OTTO DE BENETHEn geschrieben.

1202 in einer Urkunde des Grafen THEODERICUS VlI. von Holland heißt derselbe Graf: OTTO DE BENETHEm.

1193 wird in einer Urkunde des Bischofs Gerard von Osnabrück der Graf Otto: COMES DE BINETHEM genannt.

Ferner wird 1021 in der Urkunde des Bischofs von Ütrecht, Adelbold, betr. die Ernennung von 7 Vasallen nach W. HEDE, HIST. EPISC. ULTRAJECT. ein COMES DE BENTHEm allerdings wieder aufgeführt; aber warum sollten wir hier

 

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nicht auch mal einen Schreibfehler voraussetzen, der sich bei den Uebertragungen der geschichtlichen Mittheilungen in diese eingeschlichen haben könnte.

Ferner finden wir aus Jung in dem Turnierbuch von GEORG RÜXNER, LUDORUM EQUESTRIUM SCRIPTORI vom Jahre 1530 einen Wolfgang und Henrich von Bentheim angegeben aus dem Jahre 930 und zwar geschrieben: WOLFFEN GRA. ZU BENTEN und HEINRICH Grave zu BENTHEN, wie auch in den PanDECTIS [sic!] TRIUMPHALIBUS von Modius 1586 den Grafen Wolfgang gleichfalls als: WOLFGANGUS COMES BENTENSIS.

Aus dieser Zusammenstellung aus Jungs Geschichte ersehen wir, daß das “Bentheim” in seiner Schreibweise zwischen BENTHEM und BENTEN variirt, daß die älteste Schreibweise das “HEM” nicht führt, also um 930 das HEIM oder HEM von den Grafen den Namen ihres Stammsitzes vielleicht noch nicht angefügt war.

Wir sehen auch, daß in den Urkunden dem “Bentheim” ein IN, TO oder VON vorgesetzt und um 930 das TO gebräuchlich war.

Auch die Schreibweise des “Bentheim” in alten Karten und in den bürgerlichen und kirchlichen Schriften, sowie die niederdeutsche oder plattdeutsche Sprechweise der jetzigen Zeit scheinen uns auf eine Berechtigung und auf die Ursprünglichkeit des Namens BENTEN oder BENTHEM hinzuweisen.

So enthält unter Anderen “ein Protocollbuch zu BENTEM gemacht im Jahre 1665″ neben jener Titelbezeichnung auch in seinen Registern das “BENTEM”, indem z. B. “GROTTURFF zur WENGSELL zur Erbpfacht [sic!] jährlichs der Kirchen zu BENTEM gibt, sage, sieben Mudt Roggen und GELLENBECK zu BENTEN ein Mudt.”

Wenn wir hier zwischen hochdeutscher Schreibart und als solche die jetzt noch gebräuchliche plattdeutsche Schreib-

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weise BENTEN wiederfinden, so wird das auch unsere Ansicht bestärken müsssen, nach welcher wir das “BENTEN” für die ältere Bezeichnung halten möchten. Und wie die Namen der Nachbar-Ortschaften: SCHÜTTERUP, HESTRUP, HADDRUP etc. plattdeutsch mit der Endigung TRUP noch jetzt gesprochen werden,

ebenso wie sie in alten Schriften geschrieben wurden, so werden wir auch mit gewisser Berechtigung das “BENTEN” im Plattdeutschen als die ältere Schreibweise ansehen können.

Denn die Endigung “TRUP” ist notorisch die ältere altdeutsche; sie bedeutet eine Gruppe (nämlich sich zusammenhaltender Bewohner), eine Truppe; aus ihr wurde wahrscheinlich TURFF (was in dem Namen GÖTTURFF enthalten ist) und dann DORP oder DORF.

Diesem analog werden wir auch bezüglich der Beibehaltung des Urnamens für BENTHEIM in dem “BENTEN” in der plattdeutschen Sprache schließen können.

In dem Kirchenprotocoll zu “BENTEM” wird später Bentheimb und zu Anfang des 18. Jahrhunderts Bentheim geschrieben.

Es ist wohl wahrscheinlich, daß die späteren Bewohner des Tubantengaues nach Einrichtung der Grafschaft noch längere Zeit, wie es im Plattdeutschen bis jetzt geschah, sich Bentener genannt haben, und daß sie von den Nachbarvölkern gleichfalls so genannt wurden, daß aber die Grafen schon bald ihren alten Namen TO BENTEN in das TO BENTENHEM oder TO BENTHEM umgeändert haben. Wie vielerwärts zu gewisser Zeit manchen Orten das “HEIM” angehängt wurde,

so geschah das wohl auch mit Bentheim. Der Gebrauch scheint eine Art Mode gewesen zu sein, denn wir finden noch jetzt Ortsnamen, welche denselben Stamm aufweisen, die aber theils ihren Stammnamen behalten, theils mit dem Zuwort “HEIM” versehen haben; wir nennen hier nur die

 

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verschiedenen Orte: Bassen östlich von Bremen, Bassum westlich von Bremen, Bassenheim im Regierungsbezirk Coblenz und Passenheim im Regierungsbezirk Königsberg (Masuren). Es ist ja allgemein anerkannt, daß das Anhängsel “EN” oder “EM” und “UM” das Wort deutsch “HEIM” bedeutet, ob diese Annahme aber überall zutrifft, das dürfte fraglich erscheinen; aber wenn es der Fall wäre, so hätten wir in “BASSENHEIM” einen Pleonasmus zu erkennen, welcher für die von uns vermuthete Willkür und Mode bei der Namensgebung sprechen könnte.

Der Brauch der Namensänderung konnte sich aber in jener Zeit leicht verallgemeinern, da nach Beendigung der Sachsenkriege und mit Beginn der christlichen und weiter der deutschen Kaiser-Zeit, in Folge der Kreuzzüge, der Turniere und Reichs- etc. Zusammenkünfte der Verkehr ein reger wurde und ein Austausch der Sitten und Gebräuche nothwendig folgen mußte.

Nach allem bisher Erörterten glauben wir nun wohl als höchst wahrscheinlich annehmen zu dürfen, daß zunächst der Name des Ortes und der Grafen TO BENTEN mit dem Namen der TUBANTEN im innigsten Zusammenhange stehe, ja, daß die Bezeichnung TO BENTEN mit dem Namen der Tubanten zu identificiren sein müsse.

Eine Zurückführung der Namen auf die Römer möchten wir nicht wohl für thunlich halten. Wenn auch die meisten Orte in der Rhein- und Mosel-Gegend bis nach Westfalen und Holland hinein römischen Ursprungs sind, so hört doch diese Namensgebung durch die Römer in ihrer Sprache und Erfindung im nördlichen Deutschland mehr oder weniger auf. Auch Tacitus bezeichnet in seiner Beschreibung der Römerzüge altgermanische Namen, die wir meist auf die altdeutsche Sprache und ihre Entstehung zurückzuführen vermögen.

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Wir möchten daher in ähnlicher Weise, wie Osnabräck aus ASE oder ASNA BRUGE (Hasebrücke) und Hannover aus HAN OVER (Hohes Ufer) entstanden sein wird und sich daraus das “Bisthum Osnabrück”, das “Königreich Hannover” bildeten, ein Gleiches von Bentheim annehmen.

Fragen wir uns aber, woher, aus welcher Eigenthümlichkeit und auffälligen Erscheinung der Bentheimer Gegend die Bewohner derselben ihren Namen entnommen haben könnten, so müssen uns sogleich die innerhalb der weiten Ebene liegenden Höhen mit ihren uneinnehmbaren Felsen auffallen und es muß uns wahrscheinlich, ja sicher erscheinen, daß die Umwohner dieser Höhen nur von ihnen ihren Namen werden erhalten haben.

Erwägen wir nun, ob und wo sich Worte finden lassen, die dem Namen BENTEN als Stammwort würden dienen können.

Zunächst bezeichnet im Altdeutschen das Wort “BAN” eine Erhöhung, eine Spitze und im weiteren Sinne die Herrschaft einer Volksverwaltung, die Hoheit.

Mit jenem BAN hängt vielleicht auch das Wort BANKE oder BANK zusammen-, ein erhöhter oben ebener Gegenstand, ein erhöhter Sitz, eine Felsenbank, Sandbank im Meere.

Auch das Wort BAHN, eine ebene, gehbare Fläche, Fahrbahn, wird mit dem altdeutschen BAN zusammenhängen und deutet auf eine erhöhte Lage hin.

Im Bentheimschen kannte man ferner vor vielen Jahrzehnten noch allgemein in den Häusern sog. BEN’S oder BÖN’S, erhöht liegende Räume, welche zwischen einem niedrigen unteren Zimmer und dem Dachboden (Speicher) eingebaut waren und als untergeordnete Schlafkammern, Vorraths- oder Rumpelkammern benutzt wurden.

Alle diese Worte könnten auf ein Stammwort hindeuten,

 

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welches eine erhöhte Lage bezeichnen soll, jedoch glauben wir den richtigen Stamm für unser BENTEN in der englischen Sprache zu finden.

Im Englischen heißt: TO BEND, Partic. BENT “spannen”, einem Bogen die gespannte Krümmung geben; so auch: THE BENDING OF A VAULT = die Rundung eines Gewölbes, THE BENDING PART OF A HILL, soviel wie: der Abhang eines Hügels; auch wird BEND für das Ueberhangen eines Felsen gebraucht.

BEND als Hauptwort heißt: Krümmung, Biegung (also Krümmung der Oberfläche der Erde, Spannung nach einem Bogen); BENT, die Beuge, Krümmung, im weiteren Sinne der Abhang eines Hügels.

Dieses BENT möchten wir als Stammwort in unserem “BENTEN” erkennen, und wir hätten dann unser BENTHEM in Berg- oder Felsen-Heim zu übersetzen.

Vergleichen wir auch mit diesem BEND oder BENT in seiner Bedeutung als Abhang oder Krümmung der Erdoberfläche die vielen Namen der Orte, welche das BENT oder BEND zu Anfang oder Ende des Wortes tragen, und die Lage der Ortschaft selbst, so finden wir fast bei allen, daß sie am Fuße oder Hange eines Berges oder Hügels, oder auf dem Berge selbst angelegt sind. Und zwar muß dieser Berg eine auffällige BENT-artige Erscheinung zeigen, eine Spannung, Erhöhung der Erdoberfläche, und für sich allein, wenn hier auch nur von geringer Höhe, in einer Ebene erscheinen, oder das Gebirge muß eine in der Formation auffällige Erhöhung haben.

Als wenige Beispiele unter vielen nennen wir den Ort BENSBERG oder BENTESBERG, auch BENDORF. Der BENTER oder BENTHER Berg bei Hannover ist wohl gleichfalls als solche Erderhöhung (BENT) und als wichtiges Beispiel zur

 

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Vergleichung mit unserem Bentheimer BENT-Berge anzuführen. Denn im Benterberg sehen wir dieselbe alte Bezeichnung unseres Bentheimer Berges, auch tritt er in ähnlicher Weise in die Erscheinung; die Umgegend des Benter Berges ließ aber andere benachbarte Höhen des Deisters als besser zur Vertheidigung und andere Plätze als mehr geeignet zur Ansiedelung erscheinen, als daß sich grade an oder auf jenem Berge ein größerer Volksstamm hätte ansiedeln und mächtig werden können.

Bei Bentheim lagen die Verhältnisse anders. Wenn man von Osten mit der Bahn über Osnabrück nach Holland fährt, bemerkt man, wie die Osnabrücker Berge allmählich bei Ibbenbüren in das Hügelland und demnächst vor Rheine in die Ebene übergehen.

Man fährt nun durch diese weite Ebene, deren Ränder am Horizont durch keinerlei Terrainerhebungen, BENTEN, unterbrochen werden, über Salzbergen und Schüttorf dem Bentheim entgegen und ist erstaunt, wie plötzlich ein imposanter Höhenzug, eine BENTE, gleichsam augenblicklich aus der Erde emporgewachsen, sich dem Auge darbietet.

Da, wo die Burg Fuß gefaßt hat, ragen gewaltige Felsmassen empor, eine Erscheinung, die ganz besonders ausfällt und die nur in den Felsengebilden der sächsischen Schweiz und ähnlicher Gebirgsformationen ein Ebenbild haben.

Hinter Bentheim, Über Gildehaus hinaus, beginnt und erstreckt sich dann wieder die in die Niederlande übergehende Ebene auf unabsehbare Weiten hinaus.

Dieses flache Gelände, in welchem der Bentheimer Höhenzug ganz isolirt sich erhebt, hat einen Durchmesser von mehreren Meilen, und es ist daher wohl unzweifelhaft, daß auch die Römer, welche auf ihren Zügen vom Rhein und

 

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der Issel her zu Lande in das Innere der deutschen Gebiete eindrangen, Bentheim vielfach berührt haben werden.

Die Bentheimer Höhen konnten und mußten ihnen als Richtpunkt für die Wahl ihrer Marschrouten dienen. Wahrscheinlich haben demnach die Römer auch ein Standquartier in Bentheim gehabt, wenn nicht gar ein festes Kastell, wie sie nach Tacitus dergleichen zur Zeit um Christi Geburt mehrere in Deutschland, unter anderen bei den Friesen eins AD FLEVUM (TAC. ANN. 28 POST CHRISTUM) besessen haben.

Während die Römer auf den Zügen des Tiberius und Drusus Germanicus Bentheim schon berührt haben werden, so hat dieses sicherlich wohl auch im Jahre 28 P. Chr. auf dem Zuge gegen die Friesen stattgefunden, und vielleicht sind jene 900 römische Soldaten, welche auf jenem Zuge von dem Troß des Heeres abgeschnitten wurden, unter den Händen der Friesen oder Tubanten in nächster Nähe Bentheims gefallen.

Tacitus sagt, ANN. IV, 73, daß dieses geschehen sei bei einem der Göttin Baduhenna geweihten Haine, und wir könnten dabei an den Osterwald denken, der sich zwischen der Vechte und dem Burtanger Moor hinzog, auch wollen wir den Namen der dort liegenden Bauerschast Bat- oder Badhorn wenigstens nicht unerwähnt lassen.

Ums Jahr 47 P. Chr. zog Corbulo gegen die Friesen, beruhigte sie, die sich erhoben hatten, zog neue Grenzen und befestigte in ihrer Mitte einen Posten etc. TAC. ANN. XI, 19. Sehr wohl mag dieser Posten auf dem Felsenberg zu Bentheim eingerichtet worden sein, denn jener Zug des Corbulo wird von Tacitus nur flüchtig erwähnt, und man darf der Ueberlieferng der damaligen Zeit, besonders auch da Corbulo “neue Grenzen” zog, in ihrer Glaubwürdigkeit bezüglich der Grenzen wohl einigen Spielraum lassen.

 

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Ferner wird Dubius Avitus 58 P. Chr. in nächster Nähe von Bentheim oder auf den Bentheimer Höhen gewesen sein, da er um diese Zeit die Amsibarier vertrieben und auch gegen die Tencterer und Bructerer gezogen ist. Er konnte auf all diesen Zügen stets den Felsenberg Bentheim als festes Lager und als einen Zufluchtsort bei Rückzügen benutzen.

Daß Bentheim ein Kastell oder ein befestigtes Lager gewesen sein möchte, dafür sprechen mehrere Gründe. Zunächst, es laufen viele altgermanische oder römische Wege bei Bentheim zusammen, wie aus alten Karten und den Nachweisungen in den “Heer- und Handelswegen” des Herrn Professors Schneider hervorgeht. Dann ist es auffällig, daß bei diesem Wegenetz man innerhalb 20 Kilometer Entfernung, [sic!] eines römischen Tagesmarsches, keine Reste eines römischen Lagers gefunden hat. Mithin kann man annehmen, daß die Römer ihre Märsche so in der Tageszeit und Entfernung einrichteten, daß sie stets in Bentheim ein stehendes festes Lager zu erreichen vermochten.

Nördlich von Bentheim liegt in 5 Kilometer Entfernung der sog. Isterberg; diesen möchten wir für einen befestigten Platz zweiter Ordnung aus jener Zeit halten, auf welchem wahrscheinlich ein Wachtthurm mit einem Signalapparat gewesen ist. Daß dieses der Fall gewesen sein kann, dafür spricht zunächst die festungs-, burgartige Gestaltung des Berges, indem bei ihm, umgekehrt wie bei Bentheim, nach Süden steile Felsenmassen anstehen, während nach Norden der Berghang flacher abfällt; in Bentheim liegt die verticale Felsenwand nördlich des Berges. Der Isterberg war daher an sich durch die Natur ein fester Platz.

Für den Signalapparat sprechen aber folgende Umstände.

 

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Die meisten den Isterberg umliegenden Ort- und Bauerschaften tragen Namen, welche sich in leichter natürlicher Weise auf ihren Ursprung zurückführen lassen, da sie aus TRUP, dorf oder z. B. Neerlage auf LO, lage endigen. Die Bauerschaft am Fuße des Isterbergs führt aber den Namen Wengsel, auch Wengsell geschrieben, und man sagt: TER oder zur Wengsel. Dieses zwischen anderen Namen mit TRUP etc. sehr auffällige Wengsel erinnert ganz und gar an WENG- oder WENK—SUL oder Winksäule, und wir hätten damit, wenn man will, nachgewiesen, daß auf dem Isterberg ein Zeigerapparat vor Zeiten gestanden habe. Wir wollen zur weiteren Bestärkung unserer Vermuthung noch hinzufügen, daß sich noch jetzt in einer Felsenwand auf dem Isterberge ein vierseitiges Loch eingehauen befindet, in welches die Holzconstruction des Zeigerthurms eingepaßt gewesen sein könnte.

Vielleicht hat man von diesem Wachtthurm nun weitere Zeichen von Wachtthürmen, die an der Vechte und in der Niedergrafschaft nach der Gegend von Uelsen hin gelegen haben mögen, entgegengenommen und sie dem größeren Lagerort oder Kastell zu Bentheim weitergegeben und mitgetheilt.

Bei eintretender Gefahr, so vielleicht auch bei einem Aufstande der Friesen, wurde dann die Legion in vorstehender raschen Weise benachrichtigt und konnte zur Hülfe herbeieilen. Ja, wir dürfen weiter vermuthen, daß die Römer, welche den ganzen Unterrhein nachweislich mit Wachtthürmen besetzt hatten, höchstwahrscheinlich, vielleicht von Ütrecht her, solche und zwar mit Zeigerapparat versehene Thürme bis in die Gegend der Vechte oder Ems errichtet hatten, vertmittelst deren sie die größeren Lagerorte, z. B. CASTRA VETERA, über größere Unruhen in den neu unterjochten deutschen Gegenden sofort und rasch benachrichtigen konnten.

 

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Daß aber die Gegend zwischen den Friesen, der Issel und der Vechte oder Ems eine für die Römerzüge an sich sichere gewesen und daß dies vermuthlich durch die Anlage von festen Plätzen und Wachtthürmen bewirkt worden ist, möchten wir aus der Thatsache entnehmen, daß nach Tacitus diese Rückzüge der Römer nach beendetem Feldznge des Oefteren an den Grenzen der Friesen her vollzogen wurden.

Die Römer hatten hierbei die Absicht, entweder den Rhein direct und dort das CASTRA VETERA aufzusuchen oder zur Issel und zur Flotte zu gelangen. Sie können daher schon aus diesem Grunde nicht allzu weit nördlich, hart an der Friesen Grenze marschirt sein, sie werden auf ihrem Wege auch südlich des schon in der Grafschaft Bentheim beginnenden Burtanger Moores, eines damals gewiß noch unwegsamen Sumpfes, geblieben sein müssen, und sie werden schließlich sich nach jenen allerdings nicht bestimmt überall nachgewiesenen Wachtthürmen, wohl aber nach den Bentheimer Bergen auf ihrem Marsche und bei der Richtungsgebung gerichtet haben.

Die auf dem Drusus-Felsen neben dem Schlosse stehende Inschrift: HIC DRUSUS DIXIT JURA TUBANTIBUS dürfen wir an dieser Stelle nicht mit Stillschweigen übergehen. Sie stammt sicherlich nicht von den Römern her, da die ganze Ausdrucksweise unrömisch ist. Denn Drusus würde sowohl seinen vollen Namen in der Inschrift genannt, als auch statt des JURA das lateinisch richtigere  LEGES gebraucht haben; z. B. s. “CLAUDIUS DRUSUS HIC LEGES IMPOSUIT TUBANTIBUS würde schon richtiger klingen.

Da die Inschrift wohl einige hundert Jahre alt sein mag, so können wir aus ihr nur schließen, daß unsere Vorfahren aus jener Zeit gleichfalls der Ansicht waren, daß die Römer in Bentheim gewesen seien.

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Kehren wir nun von unserem längeren Aufenthalte bei den Römern zu unseren Tubanten zurück.

Daß eine ganze Völkerschaft ihren Namen von ihrem ursprünglichen Wohnsitz angenommen hat, ist bekannt und auch von uns an Beispielen dargethan. Daß die Tubanten, welche jene Höhen in der Tubantia umwohnten, ihren Namen von diesen Höhen erhielten, und daß nicht auch die Bewohner eines anderen BENT-Ortes als “Tubanten” in der Geschichte hervorgetreten sind, muß allein der Wichtigkeit dieses Felsenberges zugeschrieben werden. Denn wir müssen uns sagen, daß der in meilenweiter Ebene liegende Berg zunächst durch seine weither sichtbare Erscheinung die Aufmerksamkeit entfernter wohnender schutzsuchender Bewohner auf sich ziehen mußte; daß ferner dieses durch die Natur gebildete großartige Kastell jeder künstlichen Befestigung durch Landwehren und sonstige Wall- und Graben-Anlagen zu jener Zeit gewiß vorgezogen werden mußte. Neuere Untersuchungen des Verfassers lassen auch den sicheren Schluß zu, daß nicht nur der Platz, auf welchem das jetzige Schloß, die eigentliche Felsenburg, sich erhebt, das einzige feste Refugium der Umwohner gewesen sei, sondern daß noch weitere sehr umfangreiche Festungsanlagen in Form von Hagen und Wällen um die Burg herum vorhanden gewesen sind.

Diese haben zur Befestigung der nördlichen Umgebung der Burg gedient, während im Süden, wo jetzt drei Straßen terrassenförmig über einander liegen, die natürliche Beschaffenheit, unter Beifügung der Terrassenmauern und eine hinreichende Ausdehnung des Geländes die Aufstellung zahlreicher Vertheidigungs-Mannschaften und die Unterbringung der herbeigeflüchteten nicht wehrhaften Familienmitglieder nebst Vieh und Geräthen gestattete.

Wir gelangen nun zum Schlusse unserer Betrachtungen

 

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und der Erklärung des Namens Bentheim und des der Tubanten; wir möchten sie in folgende Sätze zusammenfassen, nämlich:

Die Felsenhöhen, auf welchen und in deren Umgebung zur Zeit des Tacitus das Volk der Tubanten wohnte, nannte man, wie auch ähnliche in anderen Gegenden isolirt liegende Höhen, oder auch solche als auffällige Spitzen oder Plateaus von den umliegenden Gebirgstheilen sich abhebende Höhen BENTEN oder BANTEN. Das Volk, welches diese Höhen beherrschte, nannte man das Volk TO BENTEN oder TO BANTEN, oder die TO BENTEN, die TO BANTEN, woraus TOBANTEN, TUBANTEN und später BENTHEN, BENTHEM, Bentheimb, Bentheim, bezüglich “die Bentheimer” entstanden sind.

In dem neueren Werke Von Jellinghaus wird in der  Erklärung westfälischer Ortsnamen der Name Bentheim, so wie es auch im Jung schon im vorigen Jahrhundert von anderer Seite geschehen ist, mit BENT = Binse zusammengebracht und hiermit also auch heutigen Tages noch an der Möglichkeit dieser Erklärung festgehalten. Auf Englisch heißt nun die Binse BENT und in den englischen Wörterbüchern finden wir BENT = Binse und dann sofort hiernach folgend BENT = Beuge, Krümmung, aber als ein anderes besonderes Wort, nicht als Nebenbedeutung des BENT = Binse aufgeführt.

Daher lag es für den Verfasser nahe, bei der vorliegenden Frage das BENT = Beuge jenem BENT = Binse zur Seite zu stellen, und das erstere augenscheinlich mehr geeignete Wort dem Versuche einer Erklärung des Namens Bentheim zu Grunde zu legen. Wenn von Fachgelehrten im BENT = Binse der Stamm des Wortes Bentheim vermuthet werden kann, so glaubte Verfasser seine eigene Anschauung, nach welcher das BENT = Beuge eine größere

 

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Berechtigung für die Namenserklärung würde haben können, durch die vorliegende Arbeit wohl bekannt geben zu dürfen.

Es ist vielleicht möglich, daß ursprünglich oder zu gewisser Zeit die Worte BENT = Binse und BENT = Krümmung, Erhöhung einen und denselben Sinn gehabt haben, wenn wir bedenken, daß die Binsen als Pflanzengruppe in auffälliger Weise über der Wasserfläche hervorragen, und daß man diese Pflanzengruppen im Vergleich zu der Wasserfläche oder der auch nur feuchten aber ebenen Niederung BENTEN = Erhöhungen genannt haben möchte. Aus der Bezeichnung der PflanzenGRUPPE wäre dann die Bezeichnung der PflanzenGATTUNG hervorgegangen.

 

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III. Der Herrgott von Bentheim.

 

 

 

 

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Wenn der Felsenberg Bentheim vor der Erfindung des Schießpulvers und der Kanonen als uneinnehmbar gelten mußte und zugleich durch weitere Wallanlagen etc. vergrößert und zur Aufnahme einer ganzen Völkerschaft groß genug gestaltet wurde, so können wir wohl voraussetzen, daß die Tubanten sicher und geborgen vor jedem Ueberfall auf alle Zeiten in ihrem Gau seßhaft bleiben konnten.

Daß dieses der Fall gewesen ist, hat ja auch eine Zeit von Jahrhunderten gezeigt, während welcher die Tubanten sich bis auf den heutigen Tag in ihren Nachkommen in dieser Gegend erhalten haben. Wir möchten glauben, daß, wie vor anderen Völkern, die Friesen von Alters her sich dadurch in ihrem ursprünglichen Gebiet an der See haben behaupten können, daß sie bei Ueberfällen, wenn auch auf dem platten Lande vorübergehend niedergeworfen, sich stets auf die Schiffe und Inseln haben flüchten können, so die Tubanten stets auf den Höhen von Bentheim einen nachhaltigen sicheren Schutz gefunden haben; so stark und wichtig muß in alter Zeit Bentheim gewesen sein.

Man wird dann folgern können, daß die Tubanten jedenfalls auch diesen sicheren Platz dazu benutzt haben werden, hier einen größeren Tempel einzurichten; die Sicherheit des Platzes wies sie darauf schon hin.

 

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Wir möchten unter solchem größeren Tempel eine Haupt-Cultstätte, eine Cultstätte ersten Ranges verstehen, zu welcher behufs der Verrichtung der heiligen Gebräuche, der Darbringung der Opfer, zur Abhaltung auch größerer und besonderer religiöser Feste die Abgesandten des ganzen Gaues erscheinen mußten, zu welcher förmliche Wallfahrten stattfanden.

Die Wichtigkeit der ungestörten Religionsausübung an einem Hauptaltar auf der einen sicheren Schutz verleihenden Felsenburg möchte neben ihrer strategischen Wichtigkeit zugleich der Anlaß gewesen sein, weshalb gerade diese Bentheimer Berge der Mittelpunkt eines größeren Gaues werden konnten. Beides, die Eigenschaft einer natürlichen starken Festung, wie das bisher in unserer Erörterung nur vermuthete Vorhandensein einer Haupt-Cultstätte könnten Karl den Großen veranlaßt haben, gerade auf diesen Felsenberg, wie es als geschichtlich geschehen angenommen werden kann, die ersten Bentheimer Grafen einzusetzen und zu bestallen.

Denn Bentheim liegt nicht an einem Flusse, der in so  mancher Hinsicht der Werkthätigkeit der Bewohner und der Entwickelung einer Colonie und Stadt förderlich hätte sein können; auch der culturfähige Ackerboden muß in älterer Zeit nur spärlich vorhanden gewesen sein, da Moore, Heiden, steiniges Gelände und der noch humusarme und mehr jungfräuliche Thonboden des Waldes die Umgebung des Berges ausmachten.

Es mußte aber für die kirchliche und staatliche Oberhoheit von großer Bedeutung sein, daß nach endlicher völliger Bezwingung des westlichsten Theils von Niedersachsen, durch die feste Hand eines hier einzusetzenden Fürsten die neubekehrten Bewohner in Schranken gehalten werden konnten. Als Sitz dieses Fürsten und ersten Grafen eignete

 

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sich daher der Felsenberg aus den vorhin schon angedeuteten Gründen vorzüglich. Nun konnte aus diesem Sitz unter dem Grafen als Oberhaupt und mit Unterstützung durch die gleichfalls belehnten Burgmänner ein vorgeschobener Posten gebildet werden, welcher auf eigene Faust etwaigen neuen Empörungen der umliegenden Völkerschaften entgegenzutreten vermochte. Und gleichfalls konnte die Haupt-Cultstätte, nachdem sie unter Karl dem Großen durch Papst und Bischof zu einem christlichen Altar umgewandelt war, unter die Obhut und Pflege des Grafen gestellt und so aufs Beste erhalten und gefördert werden.

Auch fiel der Umstand wohl ins Gewicht, daß vorauszusetzen war, wie die Neubekehrten in die neue christliche Religion sich leichter würden einleben und an sie gewöhnen können, wenn die neue Cultstätte an dem früheren Orte der Gottesverehrung eingerichtet wurde, da der Zuzug zu diesem auf bekannten Wegen und in hergebrachter Weise geschehen konnte.

Daß nun eine alte heidnische Cultstätte auf dem Felsenberg zu Bentheim bestanden habe, haben wir bisher blos als möglich und wahrscheinlich hingestellt, doch hoffen wir im Weiteren darüber zur vollen Ueberzeugung zu gelangen.

Das jetzige Schloß Bentheim ist ein sehr umfangreicher Bau; es enthält zwei starke Thürme als “Bergfriede”, verschiedene Wohn- und Nebengebäude, eine Catharinenkirche und einen ältesten Gebäudecomplex, welchen wir näher schildern müssen. Diese letztere Gebäudegruppe heißt die sog. KRONENBURG,

sie liegt an der nordwestlichen Ecke des geräumigen Schloßplatzes, da wo die Felsen am höchsten sind und senkrecht abfallen.

Der Kronenburg gegenüber, doch außerhalb der Burg steht der sogenannte schon erwähnte Drususfelsen, ein isolirt

 

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stehender säulenartiger Block von etwa 10 m Höhe über dem Rücken des Bergabhanges.

In der Kronenburg und zwar in dem die Ecke bildenden Theil der drei hier zusammenstoßenden Flügelbauten war im frühen Mittelalter ein Altar des heiligen Antonius ausgestellt. Die Architektur dieses Flügels ist bezüglich der nördlichen Außenwand romanisch, bezüglich der östlichen Außenwand mittelalterlich-gothisch ausgebildet. Das Gebäude des Antoniusaltares stammt daher etwa aus dem 12., bezw. 14. Jahrhundert.

Auffallend stark sind die an die Felsenwand grenzenden Außenmauern.

Wenn man bedenkt, daß zu Zeiten des Baues die Feuerwaffen noch nicht bestanden, so fragt man sich, aus welchen Gründen diese Mauern, die wegen der hohen Lage auch von mechanischen Stoßmaschinen und Mauerbrechern nicht erreicht werden konnten, so stark gebaut wurden.

Man kann daher nur vermuthen, daß der untere Theil, soweit er keine architektonischen Verzierungen zeigt, aus früherer Zeit in seiner so bedeutenden Stärke und schon vor  der romanischen Wand vorhanden war, zumal da er, was bei den höher liegenden Mauertheilen nicht der Fall zu sein scheint, im äußeren Verblendmauerwerk mit regellos gelegtem inneren Füllmaterial enthält [sic!]. Der untere Theil dieses Flügels könnte daher wohl um einige Jahrhunderte vor die romanische Bauzeit zurück datirt werden.

Während nun die Antoniuscapelle aus dem Mittelalter und theils aus der romanischen Bauperiode, also aus der christlichen Zeit stammt, der untere Theil der starken Mauern älter und zu Wohnzwecken zu stark erscheinen muß, so kann man wohl auf die Vermuthung kommen; daß die Erbauer aus vorchristlicher Zeit nur aus eingebildeten Gründen, aus

 

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Gewohnheit und in dem Wahne, daß je dicker die Mauer, desto sicherer, auch vor dem Blick uneingeweihter Menschen, ein Heiligthum geschützt werden könnte, diese Mauern so stark angelegt haben möchten. Solche Betrachtungen könnten uns gleichfalls zu dem Glauben an eine frühere Cultstätte führen.

Nun sagt aber die Ueberlieferung deutlich und kategorisch, daß an jener Stelle der Burg, auf welcher zur christlichen Zeit der Antoniusaltar gestanden, ehemals ein “HEIDENTEMPEL” sich befunden habe.

Man kann sich nun allerdings auf dem langen Wege der Ueberlieferung (Tradition) manches wohl zusammendenken, und auch unsere Vorfahren mögen in abergläubischer Befangenheit manches Nichtverständliche aus Noth oder Lust sich begreiflich gemacht und zusammengereimt haben, aber es liegt kein Grund vor, an der Wahrheit einer harmlosen Ueberlieferung zu zweifeln. Man wird in dem vorliegenden Falle auch mit größerem Recht, mit mehr Hinneigung die Ueberlieferung glauben, als sie von der Hand weisen können.

Nach anderen Beispielen und Fällen, in denen man  mit Bestimmtheit aus der Oertlichkeit und ihrer Umgebung darauf hat schließen wollen, daß sie auf eine heidnische Cultstätte zurückzuführen seien, können auch wir, selbst bei Hintansetzung der Ueberlieferung, bei diesen wunderbaren Felsengebilden, auf und neben der Burg Bentheim, auf einen ehemaligen Heidentempel schließen. Man nennt noch jetzt in vielen Gegenden die eigenartigen und zugleich durch ihre Größe packenden, entweder auf einer Anhöhe, oder an alten Heerwegen oder auch in der Nähe eines Urnenfriedhofes liegenden oder anfrechtstehenden Steine, so auch die bekannten Hünensteine selbst, “TEUFELSSTEINE”, und legt

 

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ihnen die Eigenschaft bei, daß sie ehemals eine heidnische Opfer- und Cultstätte gewesen seien.

Dasselbe werden wir nun mit gleichem Rechte von unserm Drususfelsen behaupten können, denn der Felsen heißt bei dem gewöhnlichen Volke noch jetzt: DAT DÜVELS OHRKISSEN, des [sic!] Teufelsohrkissen. Auch die Ausrufe: DAT DI DE DROES HALE als gleichbedeutend mit dem: DAT DI DE DÜVEL HALE lassen vermuthen, daß die Bezeichnung Droes (Drusus), Düvel, weil sie auf den Drususfelsen und die dortige Oertlichkeit sich mitbezieht, allein den teufelischen, unechten Heidengott benennen und treffen soll. Und es ist schlecht denkbar, daß unsere heidnischen Vorfahren, welche anderwärts schwere Steine zu ihren Altären zusammengeschleppt und künstlich hoch gerichtet haben, die großartigen durch die Natur zur Opferstätte eingerichteten Felsensäulen nicht als solche sollten benutzt haben.

Die Bezeichnung “Teufelsohrkissen” für den Drususfelsen soll ihren Ursprung einer Sage verdanken, welche wir durch eine kurze Wiedergabe des Inhalts hier einschalten möchten.

Ein Graf oder Ritter wünschte einstmals sehr dringend, daß ihm in möglichst kurzer Frist auf dem Felsenberg zu Bentheim eine Burg erbaut würde. Er wandte sich an den Teufel und versprach diesem einen Lohn, den er selbst sich ausbedingen möge, und der sich hoch genug stellen dürfe, wenn nur die Burg gar bald zu Stande käme.

Der Teufel erklärte sich bereit noch in der nächsten Nacht die Burg zu bauen, und verlangte nur dafür, daß ihm die am anderen Morgen auf der Burg erscheinende Seele, welche dort zuerst einen Laut von sich geben würde; sollte verfallen sein. Der Graf gestand diese Bedingung zu und der Teufel begann mit aller Macht seine Arbeit, er förderte sie so ge-

 

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waltig, daß ganz bald und lange vor Tagesanbruch die Burg in allen ihren Theilen wohl vollendet dastand. Nun wartete der Teufel sehnlichst auf seinen Lohn und zugleich auch auf das Erscheinen des Grafen, denn er hoffte, daß dieser, durch die Neugier hinaus getrieben, schon am frühen Morgen auf der Burg erscheinen und die ersten Worte an ihn richten würde, der Graf selbst würde ihm dann verfallen sein.

Der Teufel legte sich auf die Lauer, und um besser auf weitere Ferne hin horchen zu können, lagerte er sein Haupt mit dem Ohre auf den Drususfelsen.

Was geschah?

Ein Rabe flog herbei, setzte sich auf das Dach der neuen Burg und erhob seine Stimme zu einem lauten Geschrei. Der Teufel war hiernach angeführt, er fuhr heftig von seinem Lager empor und verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Da aber, wo er auf der Kappe des Drususfelsens mit dem Ohre gelegen hatte, war ein Eindruck und Abdruck des Ohres entstanden, der heutigen Tages noch sichtbar sein soll, und der Drususfelsen erhielt von dieser Begebenheit den Namen des “Teufelsohrkissen” [sic!].

Zum weiteren Verfolg unserer Abhandlung müssen wir nun wieder einen Augenblick auf unsere alten Heerwege zurückkommen.

Herr Professor Schneider legt in seinem 4. Heft der Heer- und Handelswege eine Straße fest, welche von Minden über Osnabrück, Rheine, Ohne, dann Schüttorf und von hier nach Bentheim und weiter nach Oldenzaal und Zwolle verlaufen sein soll. Diesen Weg soll Tiberius im Jahre 3 bis 5 n.

Chr. auf seinem Feldzuge nach Deutschland zur Erreichung der Weser und Elbe benutzt haben.

 

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Der Verfasser ist im Stande einen Römer- oder altgermanischen Weg nachzuweisen, welcher direct von Ohne über den Bauern Eilering nach Bentheim führt, und dieser Weg würde auch der Ansicht des Herrn Professors Schneider völlig entsprechen, nach welcher nämlich die Römer direct auf den vorgenommenen Orientirungspunkt, hier die Bentheimer Höhen, ihre Marschroute zu verfolgen pflegten. Diesen Weg müssen wir hier näher schildern, weil es zur weiteren Lösung der von uns behandelten Frage erforderlich erscheint.

Kommt man von Oldenzaal und Gildehaus auf dem von Herrn Professor Schneider genannten früheren Heerwege nach Bentheim herein, so bemerkt man da, wo an der Westseite des Ortes die Häuser beginnen, gleich hinter dem Wirth und Kaufmann Lenzing die Abzweigung eines breiten Weges nach links, also nach Norden.

Dieser Weg heißt die Hilgen-Stege und trug den Namen schon in Urkunden aus dem 14. Jahrhundert, er zeigt ganz den Charakter eines sogen. Hellweges und ist daher als altgermanischer oder römischer Weg anzusehen. Während die Straße von Oldenzaal nach der Burg weiter führt, zweigt zugleich eine andere Straße in der Fortsetzung der Richtung des vorgenannten Hellweges nach südöstlicher Richtung ab; eine weitere Abzweigung führt unter einer unteren Häuserreihe (Frau Pastorin Hitjer und Bäcker Walles) in die sogen. Püttenstege zu einem Brunnen und einer Tränke.

An dieser Stelle beginnt ein Hohlweg, welcher als weiterer Zug des Hellweges unzweifelhaft zu erkennen ist.

Verfolgen wir nämlich diesen Hohlweg nach Süden zu, so stoßen wir bald auf eine zweite Tränke, sie besteht aus einer jetzt noch Wasser haltenden vierseitigen Cysterne, deren Wände aus Quadersteinen aufgesetzt sind. Die Tränke dient seit Menschen—

 

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gedenken keinerlei Zweck mehr. Doch an derselben wird ein  etwas höher als der Hohlweg liegender alter Weg bemerkt, der naher rechtwinkelig in den Hohlweg einmündet und nach Westen verläuft, und bald an einem von Norden nach Süden streichenden, nachweislich noch vor 50 Jahren als Privatweg des Fürsten geltenden Weg (zur Müst) ausläuft. Unzweifelhaft hat dieses alte von dem Hohlweg ausgehende Wegestück sich in alter Zeit in kürzester Richtung über die jetzigen Aecker nach Nordwesten hin fortgesetzt und ist ein Bestandtheil des bei Lenzing aus nördlicher Richtung konmienden Hellweges.

In alter Zeit wird man diesen Weg von Lenzing aus unterhalb, südlich der Bauern (Dienstmänner) Schulte-Kolthoff und Pastuninck gegangen sein, und erst in späterer Zeit, als man dem Außenverkehr auch den zwischen Kolthoff und Pastuninck einerseits und den Häusern vor Bentheim andrerseits liegenden Weg, freigab, ist der Heerweg zwischen Lenzing und dem genannten Hohlweg theilweise beackert worden, theilweise aber, wie wir sehen, noch erhalten geblieben. Daraus deutet auch die Erscheinung hin, nach welcher das in den Hohlweg bei der zweiten Tränke einmündende Wegestück, weil es nicht so lange dem Verkehr gedient hat, wie der Hohlweg selbst, um ein Erhebliches höher über der  Wegesohle des Hohlweges liegt.

Verfolgen wir nun den Hohlweg weiter, so erreichen wir bei einer Wendnng desselben von südlicher in südöstliche und östliche Richtung einen jetzt noch nach Bentheim führenden öffentlichen Weg, den der Hohlweg unter stumper Winkel trifft und in seiner gedachten weiteren Fortsetzung schneidet. An dieser Stelle wird der Hohlweg, und zwar jenseits des neueren Weges, durch die sogen. Kreuzgärten unterbrochen.

Gleich hinter den Kreuzgärten zeigt sich aber die

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frühere Richtung in einer Hecke und einem Graben, welche hier den sogen. Kreuzkamp von den Wreesländereien scheiden, wieder deutlich an.

Nach dieser Einzelhecke stoßen wir auf unserem weiteren Gange auf ein Ackerstück, welches sich in einem schmalen Streifen innerhalb sonst größerer Ackerflächen fortsetzt und durch Hecken begrenzt wird. Hier haben wir die alte Heerstraße ins ihrer ursprünglichen vollen Breite, jedoch in ihrem jetzigen Zustande als bebaute Ackerfläche vor uns. Nach diesem schmalen Ackerstreifen zeigt sich uns der linksseitige, noch erhaltene, mit einem Graben versehene Heerwegswall. Hier deutet auch die Lage des Grabens auf die frühere Wegeanlage hin, da der Graben sich nicht etwa zur Entwässerung der Wiese; demnach links des Weges, wo das Gelände nach Norden hin ansteigt, vorfindet, sondern auf der zur Entwässerung der Wiese ungeeigneten Stelle.

Nachdem wir den Wall bis zu einem zweiten von Norden nach Süden von Bentheim herführenden Wege verfolgt haben, den wir im rechten Winkel überschreiten, treten wir jenseits des Weges in einen zweiten Hohlweg ein. Dieser Hohlweg hat ganz den Charakter des zuerst besprochenen, er verläuft ziemlich geradlinig von Westen nach Osten, führt uns zu den Bauernhöfen von Bannecke und Bockholt, bei diesen vorbei, und geht hiernach in den sogen. Ohne’schen Damm über. Der Ohne’sche Damm bildet mit dem Hohlweg eine geradlinige Trace, wogegen der von dem Ohner Damm an jener Uebergangsstelle nach Bentheim führende neuere Weg rechtwinkelig von dem alten (Hohl-)Wege abzweigt.

Der nach Ohne führende Damm wird mit Recht für einen alten germanischen oder römischen Weg gehalten, und wir hätten denn hiermit einen zweiten Römerweg festgelegt, welcher von Ohne direct auf Bentheim, südlich unter dem—

 

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selben durch, und dann bei Lenzing nach Nordwesten hin weiter verläuft.

Die fraglichen Hohlwege sind in Bentheim nur unter dem Namen der Fillerstegen bekannt, da man in früherer Zeit in ihnen gefallene Thiere, Pferde, abzuhäuten und einzuscharren pflegte (fillen), für den Wegeverkehr werden sie seit Menschengedenken eigentlich nicht mehr benutzt.

Kehren wir jetzt zu unserem Heidentempel zurück und wiederholen wir uns das bisher Gesagte in seinen Grundzügen.

Wir haben gesehen, daß der Bentheimer Felsenberg in alter Zeit als uneinnehmbar gelten mußte, daß diese feste Burg, weil isolirt innerhalb einer weiten, nur durch Waldesdickicht vielleicht geschützten Gegend in kriegerischen Zeiten ein gesuchter Zufluchtsort war, daß ferner die Römer wiederholt in der Umgebung Bentheims verkehrt und mit großer Wahrscheinlichkeit ein Castell daselbst gehabt haben müssen, daß der befestigte Platz einschließlich der Wall- und Hagen-Anlagen gewiß wohl dem ganzen Volke der Tubanten eine sichere Unterkunft im Kriegsfalle gewähren konnte. Wir nehmen als sicher an, uns stützend auf Ueberlieferung, Oertlichkeit und Gewohnheit der Vorfahren, daß zu Bentheim eine heidnische Cultstätte gewesen sei, und halten weiter die Vermuthung für begründet, daß, dem vor Zeiten großen Menschenverkehr auf den Bentheimer Höhen entsprechend, auch eine größere Hauptcultstätte dort gepflegt und gehalten wurde, zu welcher Wallfahrten im großen Maßstabe werden stattgefunden haben müssen.

Fragt man sich nun weiter, in welcher Weise bei der Einführung des Christenthums und der Einsetzung des ersten Grafen zu Bentheim die nothwendigen Religionsausübungen nach dem neuen christlichen Cultus zur Ausführung gelangen konnten, so wird man sich zunächst sagen müssen, daß zur Sicher-

 

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stellung des neuen Cultus in erster Linie auf die Sicherung ihres Beschützers, des Grafen und der Burg Bedacht genommen werden mußte, und daß demzufolge größere Volksansammlungen auf der Burg selbst nicht gestattet werden konnten.

Der nach Anweisung von Pabst und Bischof auf die Stelle des alten Heidentempels gegründete Antoniusaltar konnte allerdings wohl der Benutzung durch die gräfliche Familie und die Familien der Burgmänner, Dienstmänner und sonstiger bei der Burg angesiedelten gräflichen Diener, Handwerker, Wirthe etc. freigegeben werden, der großen  Menge aber des Gaues und der späteren Grafschaft mußte man an anderer Stelle einen Platz für den neuen christlichen Altar geben. Dieses konnte am besten an solcher Stelle geschehen, welche von der Burg aus leicht ersichtlich war, und welche an einem Hauptverkehrswege gelegen, von den Umwohnern auf bekannten, vorhandenen Wegen leicht zu erreichen war.

Als solchen Platz glauben wir den vorerwähnten, an dem von uns neu festgestellten Heerwege, jetzt noch vorhandenen Kreuzkamp, erkennen zu sollen.

Der Kamp trägt seinen Namen von einem großen steinernen Kreuze mit Christusbild, welches hier vor vielen Jahren ausgegraben und nach der Burg geschafft wurde; hier findet man das Kreuz noch vor.

Die Kreuzesfigur stellt den Heiland dar. Manche meinen, daß die Figur Aehnlichkeit mit den altchristlichen Bildern auf den Externsteinen habe; der Architekt, weiland Herr Professor Ewerbeck zu Aachen, welcher sich mehrere Jahre in Bentheim aufhielt, war der Ansicht, daß das Kreuz aus dem Ende des elften Jahrhunderts stammen möchte. Eine an den Herrn Geh. Regierungsrath Professor C. W.

 

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Hase in Hannover unter Beifügung einer Photographie des Kreuzes gerichtete Bitte um Auskunft über das muthmaßliche Alter des Kreuzes wurde in sehr liebenswürdiger Weise dahin beantwortet, daß das Alter genau sehr schwer zu bestimmen sei; das Kreuz sei sehr alt, es habe mit den Bildern auf den Externsteineu nichts zn thun, letztere seien aus dem Jahre 1115, das Bentheimer Kreuz sei älter; es sei in ganz ungewöhnlicher Weise ein flaches Relief, ohne künstlerischen Werth, müsse nothwendig einer Zeit entstammen, in welcher die Sachsen noch gerne die christlichen Werke zerstörten und könne aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts stammen.

Wir können hiernach dieses Kreuz wohl für das älteste oder eins der ältesten christlichen Altarbilder halten, welches an Stelle des Heidentempels auf dem Felsen zu Bentheim an jenem Heerwege auf dem Kreuzkampe errichtet wurde.

Denn wie soll man sich anders erklären, daß neue christliche Altäre, welche nach der Beseitigung der heidnischen Altäre doch sogleich erforderlich wurden, entstanden wären, als in der vorgedachten Weise, durch die eiligste Aufstellung des neuen alleinigen Gottes an öffentlichen Versammlungsorten, an Hauptverkehrswegen und wo es möglich war, natürlich an der früheren gewohnten Cultstätte selbst. So wird man vermuthen können, daß, wie früher die Züge der Gottesverehrer sich zum Tempel auf dem Felsen begaben, sie sich nun nach Einführung des Christenthums zu diesem Kreuze, auf dem jetzt Kreuzkamp genannten Platze, bewegten. Das Kreuz hat eine Höhe von 2 1/2 m, seine bedeutende Größe, seine Herstellung aus Sandstein und die für die damalige Zeit gewiß noch hoch künstlerische Formengebung müssen aufgefallen sein. Wie leicht denkbar erscheint es, daß die fremden Pilger und die auf jenem Wege ziehenden Heeres-

 

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mannschaften und Handelskarawanen den Ruf dieses neuen “schönen” Gottes in die Ferne getragen haben.

Man erfuhr so von einem “Herrgott von Bentheim”, wie man heutigen Tages von einer berühmten, Wunder verrichtenden “Mutter Gottes” Kenntniß nimmt.

In Ohne, dem kleinen Nachbarorte zu Bentheim wird auch, so scheint es, wie an Vielen anderen Orten ein Herrgott, aber ein kleines Kreuz, aus Holz nur, gestanden haben, denn man nannte in alten Zeiten nach dem Berichte der Geschichtsschreiber der Grafschaft das Dorf Ohne: GOD’S OHNE, also das Ohne, wo gleichfalls ein Gottesbild, ein Kreuz, im jetzigen Sinne “ein Altar” oder “eine Kirche” errichtet war.

Nachdem nun durch diese Kreuze, als Altäre, zuerst der christliche Gottesdienst perfect geworden war, errichtete man im Laufe der Zeiten erst Kapellen und mit dem Emporblühen der Gemeinden und Städte größere massive Kirchen.

Bis dieses der Fall sein konnte wird man aber, wie es jetzt Sprachgebrauch ist zu sagen: “Ich gehöre oder gehe in diese oder jene Kirche”, gesagt haben: Ich gehöre oder gehe zu diesem oder jenem Herrgott, er möge in Schüttorf, Ohne oder Bentheim gestanden haben.

Gehen wir noch einen Schritt weiter unter die Gemeinden der größeren Städte, so finden wir in der That auch dort noch eine Ausdrucksweise, wie sie der früheren ganz nahe, ja gleich kommt, denn man sagt in Köln noch heute z. B. ich gehöre oder gehe zu diesem oder jenem Heiligen, nämlich zum St. Gereon, St. Pantaleon, zur St. Ursula oder auch zum Dom, der “großen Kirche”.

Der Besuch der neuen christlichen Altäre hat sich nun wohl später zu den jetzt noch bestehenden Wallfahrten ausgebildet, jedenfalls werden viele Processionen, und so halten

 

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wir es auch mit der jetzt noch üblichen St. Johannis-Procession zu Bentheim, aus jener ersten Anbetung der Feldkreuze hervorgegangen sein.

Mithoff sagt in seinen Kunstdenkmalen und Alterthümern im Hannoverschen, Band VI, betr. das ehemalige Fürstenthum Osnabrück, Meppen, Lingen, Bentheim Folgendes: Nach mehrfachen hartnäckigen Kämpfen besiegte Karl der Große seinen gewaltigen Gegner Wittekind in der großen Schlacht auf dem Osning und wenige Tage später an der Hase unfern der Wittekindsburg im Jahre 783.

In Folge dieser Siege gewann das Christenthum hier festen Boden; die Opfersteine fielen, das Kreuz wurde aufgepflanzt.

Ferner sagt Mithoff über die in den Bezirken Osnabrück, Meppen, Lingen, Bentheim überhaupt vorhandenen ältesten Kreuze Folgendes:

“Ein großes steinernes Cruzifix aus der Zeit des romanischen Styls (der Fuß soll rund sein und einen romanischen Wulst haben) steht auf dem Schloßhof zu Bentheim. Eine kolossale hölzerne Gruppe, den Gekreuzigten zwischen St. Maria und St. Johannes darstellend, liegt jetzt auf dem Boden des Thurmes der St. Catharinenkirche zu Osnabrück. Große hölzerne Cruzifixe, die mit den obengenannten ihren Platz unter dem sogen. Triumpfbogen der bezüglichen Kirchen gehabt haben werden, zeigen sich im Dom daselbst, sowie in den Gotteshäusern zu Bissendorf, Engter, Malgarten und Melle. Zu einem großen, viele Reliquien enthaltenden Cruzifixe im Kirchlein der Commende Lage (Amt Vörden) wird an bestimmten Festtagen (Johannis und Kreuzeserhöhung) gewallfahrtet etc.”

Daß der Kreuzkampbei Bentheim seinen Namen aus sehr alter Zeit datirt, erkennen wir aus einer Urkunde vom

 

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Jahre 1516, wo eine Edle, Wittwe Styne de Bever aus diesem Kreuzkamp der Kirche zu Bentheim eine gewisse Summe Geldes vermacht; der Kreuzkamp ist also damals in dem Besitz des Burgmanns de Bever (jetzt Langen von Elberveldt) gewesen.

Daß das Kreuz ferner eine große Berühmtheit oder Bedeutung gehabt habe, daß geht auch aus den Bildern, aus den den Geschichten der Grafschaft Bentheim von Visch und Jung (1773) vorgehefteten Ansichten des Schlosses und Fleckens hervor, auf welchen ein unverhältnißmäßig groß gezeichnetes Kreuz an der Stelle, wo der Kreuzkamp liegt, eingetragen ist; diese Einzeichnung würde nicht so ausdrücklich und consequent geschehen sein, wenn das Kreuz nur auf kleinere geschichtliche Begebenheiten Bezug gehabt haben sollte.

Ferner läßt der Name der neben dem Heerwege und gegenüber dem Kreuzkamp liegenden Wiesenländereien, de Wreesländer, darauf schließen, daß auch Ereignisse von größerer Bedeutung, die in der Erinnerung der Bewohner Bentheims wreeslyk, d.i. schrecklich, grausig, schauerlich erscheinen, an jene Stelle sich anknüpfen und vielleicht wurde hier eine letzte blutige Entscheidungsschlacht zwischen Niedersachsen und Franken geschlagen, und das dort aufgerichtete Kreuz konnte zugleich den endlichen Sieg des Christenthums über den Heidengott versinnbildlichen.

An der südwestlichen und südöstlichen Ecke des reformirten Kirchhofs führen zwei Wege in diesen Kirchhof ein. Der südöstliche Weg führt durch den Garten des Verfassers.

Dieser Weg ist kein eigentlich öffentlicher Weg jemals gewesen, obwohl er eine größere Breite nach Art eines Fahrweges aufweist. Vielmehr ist der Garten als früherer Kirchenkamp vom Grafen Ernst Wilhelm von Bentheim im 17.

 

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Jahrhundert aus der “Hofesaat” verkauft worden, und es haben einige Bewohner der Nachbarschaft durch Vertrag und Zins sich das Recht zur Benutzung des Weges erworben; dieses Recht ist in gleicher Weise auf die späteren Besitzer übergegangen.

Hiermit soll gesagt sein, daß der Weg niemals einen öffentlichen Charakter getragen hat.

Ebenso hat der Weg, welcher von Westen her zum Kirchhofe führt, einein öffentlichen profanen Zweck niemals gedient, und auch als Kirchweg konnte er niemals angesehen werden, da zu der 1321 gebauten Kirche nur 2 Bauern (Dienstmänner) Gellenbeck und Schütte gemeindezubehörig waren. Auch dieser Weg ist gleichfalls sehr breit wie eine Fahrstraße.

Ferner erscheint die Folgerung zulässig, daß nach der Erbauung der ersten Kirche, – die Bewohner des Fleckens Bentheim waren bis dahin, sofern sie nicht zur Schloßgemeinde gehörten, in Schüttorf und Gildehaus Kirchen zugehörig – die Processionen, welche ehemals zu dem alten Christusbilde auf dem Kreuzkamp zogen, nunmehr ihren Weg der neuen Kirche zugewandt haben.

Auch war der Kirchhof nach Visch Geschichte der Grafschaft mit einem Altar und Stationsbildern umstellt, und so scheint es, daß die Wallfahrer von der mehrerwähnten Heerstraße ihren Weg von Süden her durch die südwestlich und südöstlich am Kirchhof einmündenden Wege genommen haben könnten. Diese Annahme könnte umgekehrt dafür sprechen, daß in der That südlich von Bentheim in alter Zeit Wallfahrtswege, also der fragliche Heerweg auch, sich befunden hätten.

Die Wallfahrten hätten somit von etwa den Jahren 800—900 n. Chr. bis zum Jahre 1321 um 500 Jahre zu

 

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dem Kreuzesbild auf dem Kreuzkamp stattgefunden, sie haben dann eine Weile geruht, als zur Zeit der Reformation unter Beseitigung der Stationsbilder auf dem Kirchhofe, die Kirche evangelisch wurde, und sind nachher durch den Bau der katholischen Kirche unter dem Grafen Ernst Wilhelm von Bentheim wieder üblich und zu dieser Kirche hingelenkt worden.

Die sogen. Johannisprocession wird noch jetzt jedes Jahr gehalten. Als besonderes Kennzeichen, als einen Hinweis auf das hohe Alter der Bentheimer Procession müssen wir die Thatsache betrachten, daß vorzugsweise auch Wallfahrer aus der Holländischen Landschaft Twente an der Procession sich betheiligen. Diese Erscheinung ist geeignet uns in der Erinnerung sogleich in die alte Tubantia und unter die Tubanten zurück zu versetzen, indem christliche Brüder und Zugehörige eines anderen Staates mit den Bentheimern, ihren früheren Stammesverwandten, sich gelegentlich der Procession alljährlich zur gemeinsamen Christus-Verehrung zu vereinigen pflegen, um wieder EINE große Tubanten-Gemeinde zu bilden. (Der Zuzug der sogen. Twenter zur St. Johannis-Procession war vor 40-50 Jahren ein so überaus großer, daß fast alle kleinen Familien in Bentheim, welche über einen Bodenraum und etwas Heuoder Stroh verfügen konnten, Pilger bei sich beherbergten.)

Zum Schlusse möchten wir noch eine Erklärung darüber geben, aus welchem Grunde wohl in anderen Gegenden der Ausruf: “HERRGOTT VON BENTHEIM”, welcher also bedeutet: DER ERSTE CHRISTLICHE GOTT oder DIE ERSTE und eine HAUPTKIRCHE zu Bentheim, mehr geläufig ist, als zu Bentheim und in dessen näherer Umgegend selbst.

Wir glauben zunächst, daß der Spruch vom Propheten

 

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sich auch auf den Herrgott von Bentheim wird anwenden lassen, und wonach der Prophet auswärts mehr gegolten hat, als im Vaterland.

Dann aber erscheint es natürlich, daß, wenn der Herrgott von Bentheim, die erste christliche Kirche (figürlich) zu Bentheim, durch das besonders auffällige steinerne Kreuzbild und nachher die eigentliche Kirche durch die großen Wallfahrten aus dem ganzen Tubantengau, an welchen in erster Linie auch die Grafen, Bischöfe, Burgmänner, Ritter etc. Theil nahmen – und welche Wallfahrten ihren Ursprung in den Wallfahrten zum Heidentempel hatten – berühmt wurden, dann diese Berühmtheit durch den regen internationalen Verkehr auf der von dem Zuyder See her südlich von Bentheim und zwar am Kreuze vorbei führenden Heer- und Handelsstraße leicht in ferne Länder getragen werden konnte.

Auch die Verheirathung der mächtigen Bentheimer Grafen mit den Töchtern deutscher Fürsten und der dadurch hervorgerufene engere Verkehr zwischen den Familien der verwandten Häuser trug den Ruf des Herrgottes von Bentheim ins Innere des Landes. Wenn z. B. in Hessen der Ausruf: “Herrgott von Bentheim” gang und gebe ist, so kann das gewiß auf die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Bentheimer und Hessischen Grafenfamilien zurückgeführt werden, da der bis 1643 regierende Graf Arnold Jost von Bentheim die hessische Gräfin Anna Amalia von Isenburg-Büdingen zur Gemahlin hatte.