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Schulbuch über die
Geschichte

der Grafschaft Bentheim

von

W. F. Visch,

Prediger zu Wilsum

———–

Lingen, 1821.

Gedruckt, bei G. W. Mohr, Gymn. Buchdr.

(in der Orthographie der Zeit)

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Indem wir dem
Herrn Prediger Visch, das uns vor einiger Zeit, in
deutscher und holländischer Sprache mitgetheilte
Manuskript eines Schulbuches, über die Geschichte der
Grafschaft BENTHEIM, hiermit remittieren, eröffnen wir
demselben zugleich, daß wir mit vielen Vergnügen
dasselbe sorgfältig durchgelesen und uns von dem Nutzen
desselben für die Jugend überzeugt haben.

Wir werden diesem nach gerne sehen, daß dasselbe dem
Druck übergeben und für die Schulen dieser Grafschaft,
als Schulbuch eingeführt werde.

NORDHORN, den
18ten September 1820.

Zum Königlichen
Oberkirchenrath der Grafschaft BENTHEIM verordneter
Director und Räthe

AD MANDATUM
VINCKE.

Nur die von dem
Verfasser eigenhändig unterschriebene Exemplare werden
für ächt erkannt werden.

[Visch]
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Vorrede.

Daß es für die
Jugend in mancher Hinsicht nützlich sey, die Geschichte
des Vaterlandes zu kennen, wird wohl keiner
weitläuftigen Erörterung bedürfen. Bis dahin fehlte es
aber in der Grafschaft Bentheim an den nöthigen
Hülfsmitteln zur Befriedigung dieser Wißbegierde. Um
meine müßigen Stunden wohl anzuwenden und Anderen nach
meinen Kräften nützlich zu seyn, habe ich aus meiner
Bentheimischen Geschichte diesen Auszug gemacht und nach
dem Beyspiel von CAMPE, WESTER, und Anderen in
Gesprächen zwischen einem Vater und seinen Kindern
eingekleidet, weil durch solche Einkleidung die
Aufmerksamkeit der Jugend mehr gefeßelt und die
Deutlichkeit befördert wird.

Bey der Beurtheilung dieses Aufsatzes wolle der geneigte
Leser nicht aus den Augen

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Vorrede

lassen, daß er für
Kinder geschrieben ist und daß ich, um das Buch zu einem
wohlfeilen Preise liefern zu können, an Kürze gebunden
war. Herzlich wünsche ich, daß der Zweck der Ausgabe, um
nämlich die Jugend, in dem Lande, wo ich das erste
Lebenslicht erblickte und dessen Erde wahrscheinlich
einst meine Gebeine, so wie die meiner Vorältern
aufnehmen wird, nützlich zu seyn, erreicht werden möge.

W. F. Visch.

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GESPRÄCHE

über

die Geschichte des Vaterlandes.

ERSTES GESPRÄCH.

 

Vater Gutmann
hatte drey Kinder, zwey Knaben Heinrich und Bernhard und
ein Mädchen Johanna genannt. Heinrich war 12 Jahre,
Bernhard 11 und Johanna 9 Jahre alt. Sie gingen alle
drey in die Schule bey dem Schullehrer Fromberg, der sie
nicht nur im Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen gut
unterrichtete sondern ihnen auch allerley nützliche
Lehren gab, um sie recht klug und fromm zu machen; die
Mühe, welche er an sie verwendete, war auch nicht
vergeblich. Sie lernten recht gut, waren ihrem Lehrer
gehorsam und liebten ihn, weil er sie so viel nützliches
lehrte. Wenn sie aus der Schule kamen, spielten sie
zuweilen, oder wenn das Wetter schön war, machten sie
auch wohl einen kleinen Spaziergang ins Feld. In den
langen Winterabenden pflegte Vater Gutmann ihnen aus der
alten Geschichte etwas zu erzählen, und dann waren die
Kinder alle recht froh. Die beiden Knaben horchten dann
mit gespannter Andacht, und Johanna, die noch zu jung



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war, um alles zu faßen [sic!],
hielt sich während der Erzählung doch ganz ruhig.

An einem solchen Abend nach dem Essen sassen sie einst
alle wieder mit ihrem Vater um den Heerd. Johanna legte
ihre Hand auf das Knie des Vaters, und Heinrich und
Bernhard sahen ihn freundlich an, erwartend, – daß der
Vater ihnen wieder etwas erzählen werde.

Gutmann verstand den Wunsch seiner Kinder. Ich merke
wohl, sagte er, daß ihr wieder eine Erzählung von mir
erwartet. Ich werde eure Wünsche befriedigen. Ich habe
euch oft von den Schicksalen der Juden und von ihrem
Stammvater Abraham erzählt. Ich habe euch mit dem guten
Joseph und unserm göttlichen Erlöser Jesus bekannt
gemacht. Heute werde ich zur Abwechselung euch einmal
über die Geschichte unseres Vaterlandes, der Grafschaft
Bentheim unterhalten.

Vater. Weißt du mir auch den wahrscheinlichen Ursprung
des Nahmens Bentheim anzugeben? Heinrich!

Heinrich. Nein Vater!

Vater. Der Nahme kommt warscheinlich von den alten
Tubanten her – einem Volke, das in vorigen Jahrhunderten
diese Gegend bewohnte.

Bentheim soll dann so viel heissen, als Tubanten Heim
oder Wohnort der Tubanten.

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Bernhard. Diesen Nahmen habe ich nie gehört, Vater!

Vater. Das will ich gerne glauben. Die Nahmen der alten
Völker sind in Vergessenheit gerathen. Wer spricht jetzt
mehr von den Tubanten, Marsern, Brüktern, Tenktern,
Usipeten, Dhaucen, Charmaven, Cheruskern u. s. w.

Heinrich. Was waren das für Völker Vater!

Vater. Alle diese Völker wohnten zwischen der Elbe und
dem Rhein.

Heinrich. Weißt du uns auch zu sagen, wie die Lände,
welche diese Völker bewohnt haben, jetzt heissen?

Vater. Mit Gewißheit läßt sich das nicht bestimmen. Man
glaubt, daß die Tubanten, wie ich schon gesagt habe, die
Grafschaft Bentheim und die Marser das Hochstift Münster
bewohnt haben.

Bernhard. Aber wo haben denn die Tenkter, Brükter,
Cherusker und Chamaven gewohnt?

Vater. Die Tenkter werden für die Einwohner von Drenthe,
die Brükter für die von Gelderland und die Cherusker und
Chamaven für Völker gehalten, welche zwischen der Weser
und Elbe wohnten.

Vater. Tacitus ein Römischer Ritter hat die Sitten und
Gebräuche der alten Germanier beschrei- [sic!]

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ben, welche Beschreibung man auf unsere Vorältern anwenden kann.

Johanna. Germanier Vater! was sind das für Menschen?

Vater. Liebe Johanna! dies ist ein lateinisches Wort, welches
man durch Deutsche übersetzet.

Bernhard. Du sprachst von einem römischen Ritter und du hast uns
schon mehrmalen von den Römern erzählt, Vater! als du
uns über die Geburt, oder das Leiden und Sterben des
Erlösers unterhieltest; sage uns doch einmal, was für
Leute die Römer waren?

Vater. Die Römer waren zur Zeit der Geburt Christi und auch
noch einige Jahrhunderte nach derselben das mächtigste
Volk der Erde, welches alle nahe und fern gelegene
Völker unter seiner Herrschaft zu bringen suchte. Rom war
der Sitz seiner Herrscher. Hier wohnte der Kaiser mit
seinen Großen und von dieser Stadt kommt der Nahme Römer
her.

Heinrich. Ist dieses Volk auch hier gewesen Vater?

Vater. Ja, Heinrich! Wie die Franzosen zu unserer Zeit alles
überschwemmten, so drangen auch die Römer durch
Frankreich über den Rhein in dieser Länder und suchten
unsere Vorältern zu ihren Unterthanen zu machen, wovon
ich auch in der Folge mehr erzählen werde.

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Bernhard. Von dieser unseren Vorältern mögte ich
gerne mehr wissen.

Vater. Es waren große und starke Menschen,
gehärtet gegen Kälte und jedes Ungemach, von einem
wüsten Ansehen; ihre Kleidung bestand gewöhnlich aus
Fellen von wilden und zahmen Thieren, nachlässig um den
Leib geschlagen. Strümpfe und Schuhe trugen sie nicht,
selbst liefen sie zur Sommerszeit halb nackt. Um die
Mode bekümmerten sie sich auch nicht; ihre Kleidung
blieb immer dieselbige. Sie lebten größtentheils von der
Jagd, und mit dem Ackerbau gaben sie sich wenig ab.
Künste und Wissenschaften kannten sie gar nicht.

Bernhard. Lernten die Kinder denn nicht lesen
schreiben und rechnen?

Vater. Ach nein! denn es waren damals noch keine
Schulen in unserm Vaterlande.

Johanna. Wenn wir nicht zur Schule gehen könnten,
dann würden wir auch nichts wissen.

Vater. Ganz recht mein Kind! Es ist ein
besonderes Glück für euch, daß ihr in die Schule gehen
könnet. Bedenket dieses täglich und gebet fleißig acht
auf den Unterricht eures Lehrers.

Heinrich. Aber Vater! lernten die Kinder denn
nichts?

Vater. Sie lernten jagen, fischen, reiten und mit
den Waffen umzugehen.

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Heinrich. Konnte man den Kindern denn schon eine
Flinte anvertrauen?

Vater. Damals kannte man noch keine Feuergewehre.
Das Pulver ist erste im Jahre 1300 von einem deutschen
Mönch Nahmens Bardhold Schwarz erfunden. Man bediente
sich dessen erst zu dem groben Geschütz. Im Jahre 1380
kam man auf die Erfindung der Handbüchsen. Zuerst waren
es nur kleine tragbare Kanonen, welche man vermittelst
einer Lunte abfeuerte. Darauf wurde 1517 zu Nürnberg das
Feuerschloß erfunden; ein Hahn mit einem eingeschrobenen
Feuerstein und ein vor demselben umlaufendes Rad von
Stahl, welches Funken aus dem Stein schlug. Endlich
erfanden die Franzosen den Hahn mit der Pfanne und
gebrauchten statt des gewöhnlichen Feuersteins eine
härtere Art desselben, welcher man in der alten
wendischen Sprache Flint nannte, wovon die Handbüchsen
den Nahmen Flinten erhalten haben. Als die Leute in
diesen Ländern zuerst die plötzliche Flamme sahen und
den donnernden Knall hörten, erschracken sie gewaltig.

Bernhard. Wenn unsere Vorältern aber keine
Flinten hatten, womit schossen sie denn das Wild?

Vater. Sie fingen es in Schlingen und Fallen oder
fällten es mit Wurfspiessen.

Heinrich. Du sagtest Vater! sie
[sic!] lernten auch mit
den Waffen umzugehen. Kannte man in der al-

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ten Zeit denn
schon die Aufschreibung und Loosung zum Kriegsdienst?

Vater. Nein Heinrich. Das war auch nicht nöthig,
weil alle Jünglinge geborene Soldaten waren, und in der
Vertheidigung des Vaterlands ihre Ehre stellten.

Bernhard. Welcher Waffen bediente man sich damals
in dem Krieg?

Vater. Man focht mit Spiesen
[sic!]
, Streitbeilen und Schleudern. Die
Streitbeile waren mehrentheils von Stein und die Spitzen
der Spiese von hartem Holze, Fischgräten oder scharfen
Knochen verfertigt.

Heinrich. Warum Vater?

Vater. Weil das Eisen zu den Seltenheiten
gehörte. Deswegen hatten auch die wenigsten ein
Schwerdt.

Johanna. Hatten diese Menschen auch solche Häuser
als wir haben?

Vater. Nein Johanna, sie wohnten in schlechten
Hütten, von unbearbeitetem Holze gebauet und mit
Thonerde übertünchet. Diese Hütten lagen weit
auseinander.

Bernhard. Wenn sie solche schlechte Wohnungen
hatten, dann musten sie auch nicht reich seyn.

Vater. Ihr Reichthum bestand in Vieh: Gold und
Silber hatten sie nicht. Der Handel wurde durch Tausch
getrieben.

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ZWEYTES GESPRÄCH.

– – –

Heinrich.
Waren die ungebildeten Menschen, von welchen du uns
gestern Abend erzählt hast, Vater, nicht sehr
unsittlich?

Vater. Sie hatten bey aller ihrer Rauheit viele
guten Eigenschaften. Sie wahren ehrlich, aufrichtig,
keusch, tapfer und gastfrey. Bisweilen ergaben sie sich
aber der Trunkenheit, einem Laster welches die Quelle
von manchem anderen ist.

Bernhard. Tranken sie denn Wein oder Branntewein?

Vater. Sie kannten weder Wein noch Branntewein,
sie tranken aber starkes Bier und du weißt ja, Bernhard,
daß dieses vorzüglich, wenn es alt ist, eine
berauschende Kraft hat.

Heinrich. Welche Speisen gebrauchten diese
Menschen?

Vater. Außer der Milch ihrer Kühe, aßen sie wilde
Aepfel und Birnen und das Fleisch von wilden Thieren,
woran damals ein Ueberfluß war. Sie machten von
ausgesuchten Speisen so viel Wesen nicht, als wir. Rohes
Fleisch war für sie ein Leckerbissen.

Bernhard. Hatten sie denn kein Brodt?

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Vater. Da die römischen Geschichtsschreiber
erzählen, daß die alten Deutschen auch Ackerbau
getrieben haben, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sie
Brodt gekannt haben.

Johanna. Sie werden auch wohl Kartoffeln
gepflanzt haben.

Bernhard. Nein Johanna, die Kartoffeln waren
damals noch nicht bekannt. Unsere Urgroßältern kannten
selbige nicht einmal. Der Englische Schiffs-Capitain
Hamkings brachte diese Pflanze 1565 zuerst aus Sancta
Fé nach Neu-Spanien. Sir Walther Raleigh führte sie im
folgenden Jahre nach Irland und pflanzte sie daselbst
auf seinem Landgute. Ihr könnt leicht denken, daß es
noch lange dauerte, bis diese Frucht von dort, durch
Europa verbreitet wurde.

Bernhard. Aber was aßen denn doch unsere
Vorältern, Vater!

Vater. Alte Leute haben mir wohl erzählt, daß man
anstatt der jetzt unentbehrlichen Kartoffeln, die
sogannten Pferdebohnen gespeiset habe.

Heinrich. Was tranken sie täglich?

Vater. Ihr gewöhnliches Getränk war Wasser. Bey
Hochzeiten und anderer Feyerlichen Gelegenheiten tranken
sie Bier.

Johanna. Tranken sie denn keinen Kaffee oder
Thee?

Vater. Nein Johanna, diese Getränke kannten sie
nicht. Dieselben wurden erst in der Mitte

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des 17ten Jahrhunderte, vor 170 bis 180 Jahren bekannt
und es dauerte noch wohl 80 Jahre ehe sie allgemein
gebraucht wurden. Unserer Urgroßmütter wußten noch recht
gut, daß man keinen Kaffee und Thee trank und es würde
für unseren Beutel und unserer Gesundheit vortheilhaft
gewesen seyn, wenn wir damit immer unbekannt geblieben
wären.

Bernhard. Aber Vater, was sollten wir denn doch
trinken?

Vater. Was tranken die alten Deutschen? Wasser,
Bier und Milch und sie waren bey diesem [sic!] Getränken
weit gesunder als wir bey unserm Kaffee und Thee sind.

Heinrich. Rauchten die Männer in der damaligen
Zeit auch schon Taback, Vater?

Vater. Nein Heinrich. Der Taback wurde erst im
Jahre 1520 oder wenigstens um die Zeit, von Franciskus
Hermandez de Toledo, nach Portugal und von dort nach
Spanien gebracht. Johann Nicot Staatsrath des Königs
Franziscus des IIten von Frankreich und Gesandter bey
dem Hofe von Portugal, brachte dieses Kraut nach
Frankreich. Richard Grenvil brachte es im Jahre 1568
unmittelbar aus Virginien in Amerika nach England, von
wo es nach Holland und Deutschland verbreitet wurde.

Johanna. Gingen die Leute, von welchen du uns so
viel erzählt hast, auch in die Kirche Vater?

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Vater. Kirchen, liebe Johanna, hatten sie nicht,
sie kannten auch den wahren Gott und den Erlöser JESUS
nicht. Alle diese Menschen waren Heiden.

Johanna. HEIDEN! Vater, was sind das für
Menschen?

Vater. Heiden sind solche Menschen, die Abgöttern
dienen, die Sonne, den Mond, die Sterne, das Feuer
u.s.w. anbeten.

Heinrich. Beteten unsere Vorältern denn auch die
Sonne, den Mond und das Feuer an?

Vater. Ja Heinrich und außer diesen, hatten sie
noch viele andere Götter, von welchen Tuisco und Wodan
die ansehnlichsten waren. Dem letzten opferten sie nicht
allein Thiere, sondern auch Menschen.

Johanna. Das war ja abscheulich, vater!

Vater. Sie glaubten den Zorn der Götter
besänftigen zu können, wenn sie nicht allein Thiere
sondern auch gefangene Feinde, zu ihrer Ehre
schlachteten. Ihr sehet hieraus Kinder! wie viele
Ursachen wir haben, um Gott für den reinen und
vernünftigen Gottesdienst zu danken, den er uns durch
Jesus und seine Apostelen geschenkt hat.

Heinrich. Von diesen alten Völkern ist doch wohl
nichts mehr übrig?

Vater. Ihre Grabmähler sind zum Theil noch
vorhanden. Sie hatten die Gewohnheit, ihre Leichen zu
verbrennen und die übergebliebene Asche und Kno-

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chen in einem Topf zu sammeln, der in die Erde gegraben
und mit Rasen bedeckt wurde. Dieser Haufen wurde, wenn
er bewachsen war, ein kleiner Hügel, worin sehr oft die
Töpfe mit Asche und Knochen gefüllt noch gefunden
wurde. Mant trift dergleichen kleine Hügel an vielen
Stellen in der Grafschaft Bentheim z. B. zu Esche,
Wilsum, Itterbek, Getelo, Hilten, Golenkamp u.s.w. an.
Bey Wilsum und Itterbek sind im Jahre 1818 mehr als
hundert solcher Töpfe ausgegraben. Die Römer nannten die
Töpfe Urnen und die Hügel Tumuli.

Heinrich. Findet man in diesen Töpfen nichts, als
Asche und Knochen Vater?

Vater. Bisweilen findet man einige kupferne
Zierrathen darin, z. B. Spangen, Ringe u.s.w. doch
dergleichen Sachen trift man sehr selten an.

Bernhard. Wie alt mögen diese Töpfer wohl seyn?

Vater. Es ist gewiß, da sie über tausend Jahre
alt sind, weil im Anfang des 9ten Jahrhunderts oder im
Jahre 804 das Christenthum hier eingeführt und das
Verbrennen der Todten bey Lebensstrafe verboten wurde.

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DRITTES GESPRÄCH.

Vater.
Jetzt liebe Kinder! werde ich euch etwas ven
[sic!] den Schicksalen
unserer Vorältern erzählen. Die Römer, welche alle
Völker der Erde zu unterjochen suchten, kamen 10 Jahre
vor Christi Geburth in diese Länder an, um auch die
Tubanten unter ihrer Herrschaft zu bringen.

Heinrich. Was wollten doch die Römer hier vater?

Vater. Was wollten die Franzosen, in dem
entfernten Rusland thun? Ihr Geitz war das Triebrad
dieser Züge. Unserer Vorältern hatten kein Gold und
Silber, wodurch die Begierde raubsüchtiger Menschen rege
gemacht wird. Der Boden ihres Landes war auch nicht
fruchtbar. Italien, der Sitz des Römisches Volkes war
ein weit besseres Land, als das alte Germanien, welches
zu der Zeit ein rauher, morastiger und an manchen
Stellen mit undurchdringbaren Wäldern bewachsener
Erdstrich war.

Bernhard. Führten die Vorältern denn keinen Krieg
gegen die Römer?

Vater. Ja gewiß; aber sie waren in der
Kriegeskunst bey weitem so erfahren nicht, als die
Römer,

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welche die Germanier überhaupt an Bildung übertrafen.

Heinrich. Haben die Römer unsere Vorältern auch
besiegt?

Vater. Sie sind zwar einige Zeit von den Römern
unterjocht, aber nie vollkommen besiegt worden.

Heinrich. Weißt du uns noch mehr davon zu
erzählen, Vater?

Vater. Man glaubt, daß Claudius Drusus, ein
Stiefsohn von Kaiser Augustus, der den Befehl über das
Römische Kriegesheer führte, das Schloß zu Bentheim
erbauet habe. Als dieser Drusus zu Mainz gestorben war,
wurde Quintilius Varus zum Befehlshaber angestellt. Den
Deutschen Völkern, welche die Freyheit liebten, war das
Joche einer fremden Nation unerträglich; sie wählten zu
ihrem Anführer Herman, den Fürst der Cherusker (die
Römer nennen ihn Arminius). Bey dem Teutoburger Wald in
der Grafschaft Lippe, kam es zu einer Schlacht, in
welcher drey Römische Legionen völlig aufgerieben und
der Feldherr Varus selbst getöthet wurde.

Johanna. Was ist eine Legion Vater?

Vater. Eine Legion ist eine gewisse Anzahl
Soldaten. So wie man heutiges Tages die Kriegsvölker in
Regimenter, Batallions und Compagnien abtheilt, theilten
die Römer selbige in Legionen und

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Cohorten ein. Eine Legion machte ungefehr die Anzahl von
6000 Soldaten aus.

Bernhard. Waren denn unsere Vorältern denn nun
von Römern befreyet?

Vater. Nein! sechs Jahre nach dieser Schlacht,
kam Drusus Germanicus ein Sohn von Claudius Drusus, mit
einem Heer von hundert tausend Mann in Deutschland, um
die Niederlage von Varus zu rächen. Er verwüstete alles
mit Feuer und Schwerdt. Zwischen ihm und Herman – dem
Fürsten der Cherusker, kam es zu einer unentschiedenen
Schlacht. Einer seiner Unterbefehlshaber Cäcina wurde
unterdessen in den Morästen, welche er durchziehen
muste, von Herman, der ihm den weg abgeschnitten hatte,
geschlagen, so daß er nur mit vieler Mühe entkam.

Heinrich. Wie ging es denn weiter Vater?

Vater. Die Römer, welche in dem Besitz von
Frankreich waren, suchten ihre Herrschaft über unsere
Vorältern, so viel möglich, zu befestigen. So bald sich
aber ihre Heere wieder entfernten, suchten die
Germanier, das Joch abzuschütteln.

Im dritten Jahrhundert nach Christi Geburt, schloßen die
Friesen, Tenkter, Tubanten, Chaucen, Brukter und andere
benachbarte Völker einen Bund, wodurch sie sich unter
einander verpflichteten, das Joch der Römer mit
vereinigten Kräften abzuschütteln.

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Heinrich. Und dieses glückte ihnen?

Vater. Anfangs waren ihre Bemühungen fruchtlos.
Nach vielen und langwierigen Kriegen erreichten sie
ihren Zweck. Im Jahre 320 zogen sie bey Duisburg über
den Rhein, und eroberten ganz Frankreich.

Heinrich. Wie ging es nun weiter?

Vater. Die gegen die Römer ausgezogenen Völker
wählten einen König aus ihrer Mitte und nennten sich
Franken das ist: FREIE MENSCHEN. Der erste ihrer Könige
hieß Waermund oder Pharamund. Auf ihn folgte Clodius,
dann Meroveus und endlich kam Karl der Große auf den
Thron. Da Frankreich, woraus die Römer vertrieben
wurden, unsern deutschen Kriegern besser gefiel, als ihr
eigenes Vaterland, so kehrten diese Krieger nicht in
ihre Heimath zurück. Die zu Haus gebliebenen waren aus
Mangel an hinreichender Macht nicht selten den
Bedrückungen der benachbarten Völker ausgesetzt. Von
ihren Schicksalen finden wir indessen wenig
aufgezeichnet. Die Geschichte unseres Vaterlandes ist
während drey ganzer Jahrhunderte völlig in Finsterniß
gehüllt. Im 7ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung werden
die älteren Völker nicht mehr genannt. An ihre Stelle,
treten zwey Hauptnationen, die Sachsen und Franken auf
den Schauplatz von Europa hervor.

Johanna. Willst du uns von diesen nicht auch
etwas erzählen Vater?

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Die Sachsen und Franken waren ursprünglich EIN Volk. Die
ersteren waren sitzen geblieben, als die letzteren gegen
die Römer zu Felde zogen, und man behauptet, daß sie
deswegen Sachsen oder Sassen heissen sollen.

Heinrich. Zu welchem von diesen beyden Völkern
gehörten unsere Vorältern?

Vater. Zu den Sachsen, deren Gebiet sich bis an
die Yssel soll ausgedehnt haben.

Bernhard. Waren die Sachsen auch Heiden Vater?

Vater. Ja gewiß, und sie hielten an ihrer
Abgötterey so fest, daß sie von Karl dem Grossen mit
Gewalt zu dem Christlichen Glauben musten gezwungen
werden.

Heinrich. Wie lange ist es schon, daß unsere
Vorältern den Christlichen Glauben angenommen haben?

Vater. Im Jahre 690 kam Willibrordus mit eilf
andern Predigern aus Engeland in diese Länder an und
verkündigte unseren Heidnischen Vorältern das
Christentum. Zwey von diesen Predigern, die beyden
Ewalden, verkündigten das Evangelium in der Landschaft
Drenthe und in der Grafschaft Bentheim und wurden von
den Einwohnern zu Laar jämmerlich ermordet.

Johanna. Zu Laar Vater! Das war ja schrecklich.

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Vater. Ein gewisser Picardt Prediger und Arzt zu
Koeverden, schrieb im Jahre 1659 eine Chronike von
Drenthe, und darin erzählt er diese schaudervolle
Begebenheit. Andere Geschichtschreiber erwähnen zwar
diese Mordthat, nennen aber andere Oerter, wo selbige
sollen vorgefallen seyn.

Heinrich. Aber verstanden unsere Vorältern die
Englische Sprache denn?

Vater. Diese Fragen ist ein Beweiß deines
Nachdenkens. Ich freue mich, daß ich imstande bin,
selbige zu beanworten. Im Jahre 455 waren viele Menschen
aus Friesland, Drenthe, Westphalen u.s.w. nach Engeland
gesegelt, und hatten sich daselbst häuslich
niedergelassen. Die aus diesem Lande kommenden Prediger
redeten daher eine Sprache, welche den Einwohnern
Westphalens verständlich war.

Bernhard. Wurden alle unsere Vorältern durch
diese Prediger zu dem Christlichen Glauben bekehrt?

Vater. Nein, nur wenige nahmen die Christliche
Religion an. Karl der Große, der 769 den Thron von
Frankreich bestieg, brachte die Sachsen nach einem drey
und dreyßig jährigen Krieg unter seine Bothmäßigkeit. In
den Friedensartikeln wurde ausdrücklich bestimmt, daß
sie die Christliche Religion annehmen sollten. Dies
geschah im Jahre 804, es sind folglich tausend und
sechszehn Jahre, daß diese Religion hier anstatt der
Heidnischen eingeführt wurde.

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Manche, die sich hatten Taufen
[sic!]
lassen und mithin dem Christenthum Treue
geschworen, fielen nachher von demselben wieder ab, und
diese wurden ohne Barmherzigkeit mit dem Tode bestraft.

—-

VIERTES GESPRÄCH.

———————-

Vater.
Unser Vaterland heißt die Grafschaft Bentheim, wisset
ihr auch Kinder! woher die Namen: GRAF und GRAFSCHAFT
entstanden sind?

Bernhard. Ich weiß es nicht.

Heinrich. Ich auch nicht.

Vater. Als Karl der Große die Sachsen besiegt
hatte, stellte er Obersten und Richter über gewisse
Landesbezirke an. Diese Obersten und Richter wurden
GRAFEN, und der Bezirk worüber sie angestellt waren,
wurde GRAFSCHAFT genannt. Das Amt eines Grafen war
mithin Anfangs keine erbliche Würde, sondern nur eine
Bedienung, welche der Kaiser den ansehnlichsten
Einwohnern in seinem Reiche auftrug. Da indessen die
Söhne gewöhnlich das Amt ihrer Väter nach deren Ableben
wieder erhielten, so wurde selbiges mit der Zeit
erblich, und endlich wurden die Grafen mit Zustimmung
des Kaisers unter gewissen Bedingungen Landesherren
ihres Bezirkes.

Heinrich. Welche Geschäfte hatten die Grafen zu
Karls des Großen Zeit zu verrichten?

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Vater. In Kriegszeiten mußten sie den Befehl über
die Kriegsleute ihres Bezirkes führen und in
Friedenszeiten die gute Ordnung, Recht und Gerechtigkeit
handhaben.

Von wisset ihr den Ursprung der Grafen. Außer den Grafen
gab es aber vorher in unserm Lande viele Edele oder
Adeliche, weißt du auch Heinrich! wie die entstanden
sind?

Heinrich. Nein Vater.

Vater. Jeder Besitzer eines freyen Hofes oder
Erdes war in alten Zeiten adelich. Weil aber nach
dermaligen Einrichtung des Kriegswesens diese Besitzer
von freyen Höfen sich persönlich stellen und in den
Krieg ziehen mußten, welches nicht nur mit großer
Beschwerde; sondern auch mit vieler Gefahr verbunden
war, so übertrugen einige ihre Güter den Klöstern und
andere dem Grafen, damit sie durch deren Schutz von dem
Kriegsdienst befreyt werden mögten. Obschon sie nun
gegen Bezahlung einer gewissen jährlichen Pacht auf
ihren Erben wohnen blieben, so wurden sie dennoch ihres
Adels verlustig. Sie wurden Leibeigene des Klosters oder
des Grafen.

Heinrich. Kannst du uns auch sagen Vater! warum
einige Bauern zur Leistung gewisser Dienste und zur
Entrichtung des Zehnten verbunden sind?

Vater. Die Dienste scheinen in alten Zeiten eine
freywillige Hülfe gewesen zu seyn, welche man dem

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Hauptmann leistete. Was indessen erst freywillig
geschah, wurde in der Folge eine Pflicht. Die zehnten
haben ihren Grund in einer Verfügung Karls des Großen
welcher dieselben von den Sachsen zum Unterhalt der
Geistlichkeit foderte.[sic!]

Heinrich. Aber einige Bauern bezahlen einen
sogenannten Schlopzehnten.

Vater. Da unser Westphalen, welches großentheils
aus Heide und Moorgrund besteht, zu unfruchtbar war, um
von allen Früchten des Landes den Zehnten geben zu
können; so glaubt man, daß die Bauern sich mit der
Geistlichkeit verglichen und an statt des Garbzehnten
eine gewisse Anzahl Scheffel Roggen jährlich zu bezahlen
versprochen haben.

Heinrich. Warum tragen viele Bauernschulzen den
Nahmen ihrer Bauerschaft?

Vater. Dieses kommt daher, weil die ersten
Besitzer ihrer Höfe die Hauptleute der Bauerschaft
waren. Als diese ausgestorben waren, oder ihre Stellen
dem Grafen oder einem Kloster übertragen hatten, wurden
selbige mit Wehrfestern oder Bauern wieder besetzt.

Heinrich. Kannst du uns auch die Nahmen der
ersten Grafen von Bentheim sagen lieber Vater?

Vater. Die Geschichte der ersten Grafen von
Bentheim ist sehr ungewiß. Ich werde euch indessen aus
der vaterländischen Geschichte die Nahmen aller

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Bentheimischen Grafen, in so weit selbige bekannt sind,
mittheilen.

 

I.Ricfridus oder Reichsfried soll der erste Graf von
Bentheim gewesen seyn. Andere geben Magnus Fortemann
dafür aus.
II.Wolfgang
III[.]Otto der I
IV.Johannes der I
V.Otto der II
VI.Otto der III
VII.Otto der IV. Dieser stritt mit dem Bischof von
Utrecht wider den Burggraf zu Koeverden, und
wohnte im Jahre 1189 einem Kreuzzug wider
die Sarracener bey.

Heinrich. Was versteht man unter Kreuzzüge?
Vater. Die Menschen glaubten im eilften und
zwölften Jahrhundert Gott einen Gefallen zu thun, durch
die Befreiung des jüdischen Landes von der Herrschaft
der ungläubigen Sarracener. Hundert tausende zogen aus
allen Provinzen Europa’s nach diesem Lande. Es wurden
Ströme von Menschenblut vergoßen und ungeheure Schätze
verschleudert, um das Land zu erobern, welches die
Abkömmlinge Abrahams einst besaßen, und in welchem Jesus
Christus geboren und gestorben war. Nach einem
langwierigen Kriege glückte es den Europäern, Jerusalem
und viele andere Städte zu erobern. Doch am

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Ende müßten sie alle diese Eroberungen
wieder aufgeben. Es blieb keine Handbreit
Erde in der Macht der Christen. Die Zahl der
Menschen, welche Europa durch diese Züge
verloren hat, wird auf SECHS MILLIONEN
angegeben. Unterdessen hatten diese Heerzüge
einen günstigen Einfluß auf die Bildung und
auf die bürgerliche Freyheit unseres
Welttheils. Unsere Vorältern lernten im
Morgenlande verschiedene Künste und Gewerbe
kennen, womit sie ihr Vaterland bekannt
machten. Die Zahl der Ritter wurde durch
diese Züge vermindert, da viele in Egypten
umkamen, und ihre Leibeigene die Gelegenheit
benutzten, um zu entfliehen und sich in den
Städten häuslich nieder zu lassen, welche
dadurch an Flor und Bevölkerung gewonnen.Der Pabst hatte auch in einer besonderen
Bulle verordnet, daß alle Knechte und
Leibeigene, die in das gelobte Land ziehen
würden, frey seyn sollten.
VIII.Balduin, der im Jahre 1217 mit verschiedenen
Königen und Fürsten einen Kreuzzug nach
Egypten machte und von dem Burggrafen
Rudolph von Koeverden in einer zwischen
diesem und dem Bischof von Utrecht in den
Morästen bey Gramsbergen, die Mommeriten
genannt, vorgefallenen Schlacht, gefangen
genommen wurde. Der Bischof von Utrecht,
Otto von der Lippe kam mit 500 tapferen
Kriegern, unter welchen sich

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der muthige Bernhard von Horstmar befand
dabey ums Leben.
IX.Otto der V ein Sohn des vorigen
XEgberg
Otto’s zweiter Sohn. Dieser ließ viele wüste
Gründe urbar machen, und brachte die
Bentheimer und Gildehäuser Steine bey den
Ausländern in großen Ruhm.
XIJohannes der II stiftete das ehemals
berühmte Haus Dinkelrode, in der Folge das
Amthaus zu Neuenhaus genannt. Er starb im
Jahre 1332.
XIISimon
ein Sohn von Johannes II. Dieser ließ die
Stadt Schüttorf mit starken Mauern umringen.
Er starb 1347.
XIIIOtto
der VI dieses Nahmens[,]
ein Bruder Simons [,]
regierte die Grafschaft eilf Jahre und
übergab dann die Regierung seinem Bruder.
XIVBernhard der I. Dieser war in seiner Jugend
ein wüster Mensch, wurde aber in seinem
Alter fromm und ein Freund der Geistlichen.
Er stiftete im Jahre 1394 das Kloster
Frenswegen (welches diesen Nahmen führt,
weil es an den [sic!]
Frensdorfer Weg
liegt). Er starb an der Pest 1421 und wurde
in der Kloster-Kirche zu Frenswegen – seinem
Lieblingsorte – beygesetzt.
XVEverwyn der I von Gutterswyk eine vormalige
Herrlichkeit, im Clevischen führte im Jahre
1417

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einen
unglücklichen Krieg, wieder den Bischof von
Utrecht.Von dieser Zeit an haben die Grafen von
Bentheim durch Heyrathen und Erbschaften,
verschiedene benachbarte Grafschaften als u.
B. Steinfuhrt, Tecklenburg, Limburg, Rheda
u.s.w. an das Haus Bentheim gebracht, welche
in folgenden Zeiten auf die nämlich Art
davon wieder abgekommen sind.
XVI.Bernhard der II gestorben im Jahre 1473.
XVII.Everwyn der II schloß im Jahre 1487 mit
seinem Vetter Everwyn von Steinfurth eine
Erbverbrüderung, nach welcher allein die
männlichen Abkömmlinge von Bentheim und
Steinfurth die beiden Grafschaften regieren
sollten. Er starb 1530.
XVIIIArnold der I. Unter dessen Regierung die
Reformation der Kirche vorfiel. Er starb
1553.
XIXEverwyn der III brachte durch seine Heyrath
mit Anna, der einzigen Tochter des Grafen
Conrad von Tecklenburg, auch diese
Grafschaft an das Haus Bentheim. Er starb im
26ten Jahr seines Lebens und hinterließ
einen einzigen Sohn.
XXArnold den II. Der das von seinem Großvater
Arnold dem I angefangene Reformationswerk
vollendete. Dieser fromme Landesherr starb
im Jahre 1606. Sein Sohn

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XXIArnold
Jobst folgte ihm in der Regierung und dieser
machte sich um Kirchen und Schulen nicht
weniger verdient, als sein seliger Vater. Er
starb den 10ten Februar 1643.
XXIIErnst
Wilhelm, der in 1668 zur catholischen
Religion überging und durch diesen Schritt
seine Gemahlin, Kinder und Unterthanen in
viele Unannehmlichkeiten verwickelte. Die
Gräfin nahm mit ihren Kindern die Flucht
nach Holland und starb vor Verdruß. Die
jungen Grafen traten in Niederländische
Kriegsdienste und erreichten durch ihre
Tapferkeit den Rand der ersten Befehlshaber.
Bey ihrer Großjährigkeit machten sie ihre
Rechte auf die Grafschaft Bentheim geltend.Heinrich. Aber sie waren ja die
rechtmäßigen Erben Vater!Vater. Das ist freylich wahr. Ihr
Vater hatte sich aber auf den Rath des
Münsterschen Bischofs von seiner Gemahlin
geschieden, eine anderweitige Ehe geschloßen
und seinen Vetter Arnold Moritz Wilhelm zum
Erben der Grafschaft Bentheim angeordnet.
Nach langwierigen Schwierigkeiten, bey
welchen die General Staaten der vereinigten
Niederlande die Seite der jungen Grafen
wählten, ward endlich ein Vergleich
abgeschloßen, nach welchem Arnold Moritz
Wilhelm die Grafschaft Bentheim und Ernest
der älteste Sohn des Grafen Ernst Wilhelm,
Stein-

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furth mit einigen anderen Herrlichkeiten besitzen
sollte; doch mit dem Beding, daß wenn früh
oder spät, der männliche Stamm von Arnold
Moritz Wilhelm erlöschen sollte, die
Nachkommen des Grafen Ernest dann die
Grafschaft Bentheim erben sollten. In
Gemäßheit dieses Vergleiches, welches nur
als eine Bekräftigung zwischen den Grafen
von Bentheim und Steinfurth im Jahre 1487
abgeschloßenen Erbvertrages anzusehen ist,
gieng im Jahre 1803 bey dem Tode des letzten
Abkömmlings des Grafen Arnold Moritz
Wilhelm, das Successionsrecht auf den Grafen
von Steinfurth über. Nach dem Tode des
Grafen Ernst Wilhelms im Jahre 1693 kam
XXIIIArnold Moritz Wilhelm an die Regierung. Er starb
den 15ten November 1701. Sein Nachfolger war
XXIVHermann Friedrich der 1731 starb.
XXVAuf diesen folgte Friedrich Philipp Carl, der
1752 die Grafschaft mit allen Rechten der
Landeshoheit an Seine Majestät den König von
Großbrittannien und Churfürst von Hannover
gegen Bezahlung seiner Schulden auf dreißig
nach einander folgende Jahre und bis dahin,
daß der ihm zu thuende Vorschuß völlig
wieder erstattet seyn werde, verpfändete. Er
starb den 17ten Februar 1803 zu Paris und da
mit seinem Tode der männliche Stamm der
Grafen von Bent-

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heim – Bentheim erloschen war, trat
XXVILudwig, Wilhelm, Geldrich, Ernst, Graf zu
Bentheim-Steinfurth als rechtmäßiger Erbe
die Grafschaft Bentheim an. Er wurde im
Jahre 1817 mit seinem ganzen Geschlechte in
den Fürstenstand erhoben und starb den 20ten
August dieses Jahres. Auf ihn folgt
XXVIIAlexis jetzt regierender Fürst zu Bentheim und
Steinfurth, vermählt mit Wilhelme, Caroline
Marie Friederike Prinzessin zu
Solms-Braunfels.

 

FÜNFTES GESPRÄCH.

Johanna.
Wirst du uns diesen Abend auch etwas erzählen lieber
Vater?

Vater. Sehr gerne Kinder! aber ihr müßet erst für
ein gutes Feuer sorgen, und dieses Feuer wird mir denn
wohl Stoff zu einer Erzählung liefern.

Bernhard. Das Feuer Vater?

Vater. Nicht so sehr das Feuer Bernhard als der
Brennstoff, der Torf nämlich. Was dünkt euch wohl, wie
sollte der entstanden sein?

Heinrich. Wächst der nicht von selbst Vater?

Vater. Das würde eine große Wohltat für

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manche Oerter, besonders für die Obergrafschaft Bentheim
seyn, wo die Moore so sehr abgenommen haben. Die
Oberfläche mag fortwachsen und eine höhere Erdkruste
annehmen, wenn aber das Moor einmal bis auf den Sand
weggestochen ist, wächst es nicht wieder an.

Heinrich. Woher sind denn die Moore entstanden?

Vater. Aus einer großen Revolution des Erdbodens,
und besonders aus einer Ueberschwemmung des Meers.

Bernhard. Wann hat die statt gehabt?

Vater. Die Entdeckungen, welche man in spätern
Zeiten gemacht hat, die versteinerten Seemuscheln,
welche man in den Eingeweiden der Berge gefunden, und
die Knochen von gegenwärtig in unserm Welttheil völlig
unbekannten großen Thieren, beweisen hinlänglich, daß
die Erde mehrere REVOLUTIONEN erlebt hat. Den Ursprung
der Moore leitet man mit einem hohen Grade von
Wahrscheinlichkeit aus der Cimberschen Fluth her, welche
einige hundert Jahre vor Christi Geburt diese Länder
überschwemmt hat.

Bernhard. Warum heißt diese Fluth die Cimbersche?

Vater. Die Völker welche die Küsten der Nordsee
bewohnten, hießen die Cimbern, und die Nord-

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see wurde die Cimbersche See genannt. Die Cimbersche
Fluth ist folglich eine Ueberschwemmung der Nordsee.

Heinrich. Aber wie könnte aus einer solchen
Ueberschwemmung das Moor entstehen?

Vater. Das Wasser blieb in den Niederungen
stehen. Die Moore waren erst Phüle und Moräste. Aus
Grau, Heu, Stroh, Rohr, und Baumblättern entstand der
Schlamm, der erst weich war, und wurde mit der Zeit
härter, besonders als die Menschen die Moore zu
bearbeiten und das Wasser durch Graben abzuleiten
anfingen.

Johanna. Ertranken bei dieser Ueberschwemmung
nicht viele Menschen und Thiere?

Vater. Viele werden gewiß dabey umgekommen seyn.
Die meisten haben sich aber gerettet, denn wir finden in
der Römischen Geschichte: daß die Cimbren und Teutonen,
nachdem sie ihre Länder durch die See verloren und sich
einige Zeit in Deutschland, Frankreich und Spanien
aufgehalten hätten, wo sie alles verzehrten, sich nach
Italien gewandt haben, und daselbst von den Römern,
gegen welche sie Anfangs siegreich waren, endlich völlig
geschlagen und vernichtet worden sind.

Ihr könnet leicht denken Kinder! daß man nicht mit
vollkommener Gewißheit die Cimbersche Fluth als die
Ursache der Moore angeben kann. Gewiß ist

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es aber, daß sie aus einer Ueberschwemmung der See
entstanden sind, denn man findet in denselben ganze
Fichten, Eichen und Birckenstämme, welche alle mit der
Wurzel nach Nordwesten und mit den Köpfen nach Südosten
liegen.

Vater. Sollten wir die Moore jetzt wohl entbehren
können?

Heinrich. Nein Vater, denn ohne dieselben würden
wir keinen Torf haben, und des Winters, da unser Land an
manchen Stellen so Holzarm ist, Kälte leiden müssen.

Vater. Hat man sich seit der Zeit, daß die Moore
da gewesen sind, immer des Torfs als Brennstoff bedient?

Heinrich. Auf diese Fragen kann ich keine
bestimmte Antwort geben.

Vater. So lange man große und ausgedehnte Wälder
hatte, scheint man wegen der Mühe, die mit dem Ausgraben
und Trocknen des Torfs verbunden ist, sich des Holzes
zum Brennen bedient zu haben. Nach alten Chroniken fieng
man erst im elften und zwölften Jahrhundert an, den Torf
als Brennstoff zu benutzen. Die Moore haben in diesen
600 Jahren in der Obergrafschaft sehr abgenommen. In der
Niedergrafschaft hat man aber noch ausgestreckte Moore,
welche den Eingesessenen auf Jahrhunderte Brennstoff

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liefern können. Von vorzüglicher Güte ist der
Itterbekker Torf.

Vater. Ist das Moor auch sonst noch nützlich?

Heinrich. Ja, man pflügt die Oberfläche, oder
hackt sie mit einer Hacke um, steckt sie im Frühling in
Brand und säet in die Asche, Buchweitzen.

Vater. So sehet ihr denn, daß die weise und
gütige Vorsehung das Elend der früheren Jahrhunderte in
einen Segen für die spätern veränderen kann.

Jetzt würde ich euch manches von den Schicksalen der
Städte und Dörfer in unserm Vaterland erzählen können.
Aber lieber setze ich dieses aus bis Morgen Abend.

Johanna. Soll ich denn jetzt mein Büchlein mit
den schönen Bildern nur hohlen, Vater?

Vater. O ja! Warum nicht? bey diesem Büchlein
fällt mir aber etwas ein, welches ich euch heute Abend
noch wohl erzählten könnte.

Bernhard. Nun bin ich froh.

Vater. Es betrift [sic!] einige nützliche Erfindungen und rathet einmal
welche?

Heinrich. Die Buchdruckerkunst.

Vater. Füge die Erfindung des Papiers dabey
welche älter ist, als die der Buchdruckerey. Vor Christi
Geburt schrieb man auf Blätter, welche aus den
Wurzelfäsern einer Pflanze, PAPYRUS

genannt,

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bereitet waren. In der Folge erfand man das Pergament
und nachher lernte man aus Baumwolle Papier bereiten.
Dieses war dünner und besser als das Pergament, aber
ziemlich kostbar. Endlich glückte im Jahre 1300 in
Deutschland die Probe, aus altem Leinwand, Papier zu
verfertigen, welches zu einem viel wohlfeilern Preise
geliefert werden konnte.

Heinrich. Das habe ich nie gewußt, Vater! Ich
glaubte, man habe immer solches Papier gebraucht als wir
jetzt haben.

Vater. Es ist manches, Meine lieben Kinder, daß
ihr noch nicht wißt. Saget mir einmal, wer hat die
Buchdruckerkunst erfunden, und zu welcher Zeit ist
dieses geschehen?

Heinrich. Dieses ist mir unbekannt Vater!

Vater. Laurenz Koster Scheffe der Stadt Haarlem
in Holland erfand dieselbe um das Jahr 1432. Die
Deutschen schreiben indessen die Ehre dieser Erfindung
einem gewissen Johann Guttenberg in Mainz zu.

Bernhard. Hatte man denn vor DER Zeit keine
Bücher Vater?

Vater. Wohl geschriebene, aber keine gedruckte
Bücher, und da nur wenige Menschen schreiben konnten,
waren diese geschriebenen Bücher sehr selten und theuer.
Das Buchbinden ist auch eine Erfindung späterer Zeiten.

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In alten Zeiten waren die Bücher Rollen. Die festen und
guten Bände wurden erst im Jahre 1500 erfunden. Die
Kupferstechkunst oder das Drucken von Zeichnungen
mittelst kupferner Platten, ist fast zu gleicher Zeit
mit der Buchdruckerkunst erfunden worden.

Johanna. Weißt du uns noch mehr von solchen
nützlichen Erfindungen zu erzählen Vater?

Vater. Wenn ich jetzt keine Brille hätte, dann
würde ich nicht mehr lesen können. Unsere Vorältern
kannten sie aber nicht. Alexander Spina ein Florentiner
erfand die Brille am Ende des 13ten Jahrhunderts, mithin
vor ungefähr 500 Jahren. Zur nämlich Zeit erfand man den
COMPAS, eine an den [sic!] MAGNETstein geschliffene
Nadel, welche in der Mitte auf einem Stifte ruhend und
sich frey bewegend, immer nach dem Norden zeigt. Durch
diese Erfindung war es möglich nach Ostindien zu segeln,
Amerika zu entdecken und den ganzen Erdball in allen
Richtungen zu umschiffen.

Bernhard. Hast du uns nicht gesagt lieber Vater!
als wir neulich bey der Mühle vorüber gingen, daß diese
auch eine Erfindung späterer Zeit ist?

Vater. Allerdings. In uralten Zeiten hatte man
Handmühlen, welche durch Menschenhände in Bewegung
gebracht wurden. Nach Christi Geburt entfand
[sic!] man die Wassermühlen. Die Windmühlen
wurden erst im Jahre 
1100 bekannt. Man glaubt

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daß die Französischen Ritter dieselbe auf ihren
Kreuzzügen in Asien gesehen und bey ihrer Rückkehr in
Frankreich, nachgemacht haben. So viel ist gewiß, daß
die Franzosen sich dieser Mühlen zuerst bedient haben
und daß diese nützliche Erfindung, welche von Zeit zu
Zeit, einen höhern Grad der Vollkommenheit erreicht hat,
in der Folge durch ganz Europa bekannt geworden ist.

Heinrich. Sind die Uhren nicht auch in späteren
Zeiten erfunden?

Vater. O Ja! Unsere Vorältern mußten die Stunde
des Tages durch die Höhe der Sonne bestimmen, so wie die
Landleute dieses jetzt noch zu thun pflegen. Bey
dunkelem und nebeligtem Wetter konnten sie daher nie mit
Gewißheit sagen, wie spät es war und des Abends eben so
wenig. Da die Noth erfinderisch ist, so machte man erst
Wasseruhren, das ist, man stellte ein mit Wasser
gefülltes Faß welches eine kleine Oefnung in dem Boden
hatte, auf ein leeres Gefäß und gab genau acht auf die
Zeit, in welcher das Wasser durch die Oefnung gefloßen
war. Anstatt dieser Wasseruhren bediente man sich in der
Folge der Sanduhren, die euch bekannt sind und endlich
erfand man die Uhren mit Räderwerk, die durch eine Feder
oder durch ein Gewicht getrieben werden.

Bernhard. Wie lange ist es schon, daß man diese
erfunden hat?

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Vater. Sie sind vor dem Jahre 1000 erfunden worden. Von
wem? Dies ist unbekannt. Das erste Uhrwerk dieser Art,
welches aber nicht schlug, sondern bloß die Stunden
anwies, wurde von dem Pabst Silvester II im Jahre 996
verfertigt. Auch unser Jahrhundert ist reich an manchen,
für die Menschheit nützlichen Erfindungen, unter welchen
die Impfung mit Kuhpocken, als ein Schutzmittel wider
die natürlichen Blattern die wohlthätigste ist.

Johanna. Mir sind die Kuhpocken auch eingeimpft,
nicht wahr Vater?

Vater. Ich würde kein vernünftiger, liebender und
sorgender Vater gewesen seyn, wenn ich mich dieses
wohlthätigen Mittels zur Bewahrung eures Lebens und
eurer Gesundheit nicht bedient hätte.

Heinrich. Sind die natürlichen Blattern denn so
gefährlich?

Vater. Ja wohl sind sie gefährlich. Vor der
Erfindung der Schutzblattern starben viele Kinder an den
natürlichen Pocken; manche verloren ihre Schöhnheit und
einige ihr Gesicht.

Bernhard. Müssen denn alle Kinder die Blattern
haben?

Vater. Unsere Vorältern kannten diese Krankeheit
nicht; sie ist aus einem anderen Welttheil in unser
Europa gebracht und als ein Gift in unser Gebiet
gedrungen, so daß wir alle mit einigen wenigen

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Ausnahmen, den Saamen dieser Krankheit auf die Welt
bringen, der bey der geringsten Ansteckung, sich auf
eine schreckliche Art offenbart.

Heinrich. Wie lange ist diese Krankheit schon in
Europa bekannt gewesen?

Vater. Man kann mit Bestimmtheit nicht annehmen,
wann und woher sie nach Europa gekommen ist. In Arabien
wurde sie schon im 6ten Jahrhundert beobachtet. Man
glaubt, daß sie im Jahre 712 gleichzeitig mit dem
Einfall der Araber in Spanien nach Europa gekommen ist.

Heinrich. Wie kam man auf die Erfindung der
Schutzblattern?

Vater. Ein Englischer Arzt, Nahmens Jenner hatte
seit längerer Zeit bemerkt, daß die Kühe in einigen
Gegenden Englands bisweilen Pocken an den Eutern hatten
und daß die Viehmägde durch das Melken dieser Kühe einen
Ausschlag auf den Arm kriegten, der sie vor den
natürlichen Blattern schützte. Dies brachte den Herrn
Jenner zum Nachdenken und nach einigen genommenen
Proben, wurde er in dem Gedanken bestärkt, daß die
Kuhpocken ein sicheres Schutzmittel gegen die
natürlichen Pocken seyen.

Bernhard. Konnte man denn vorher dieser Krankheit
nicht entgehen?

Vater. Es fand auch wohl eine Impfung mit
Menschenpocken statt Die Krankeheit wurde dadurch

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einigermaaßen gelindert, aber weil die Fälle auch nicht
selten waren, daß dergleichen mit Menschenpocken
geimpften Kinder starben, so machten manche Aeltern
Schwierigkeit, sich dieser Impfung zu bedienen.

Johanna. Ist die Impfung mit Kuhpocken denn nicht
gefährlich?

Vater. Gar nicht. Du bist ja nicht einmal krank
davon gewesen.

Heinrich. Wie lange sind die Schutzblattern schon
bekannt gewesen?

Vater. Sie sind im Anfang dieses Jahrhunderts vor
18 bis 19 Jahren entstanden, und nun schon durch die
ganze Welt, selbst in Amerika und Ostiniden
[sic!]verbreitet.

Wir können Gott für diese Erfindung, die so vielen
Kinder das Leben rettet nicht genug danken, und wir sind
verpflichtet, uns dieses Mittels, so wie jedes andern
Arzney- oder Schutzmittels wider eine Krankheit zu
bedienen.

Heinrich. Wer würde davon auch nicht gerne
Gebrauch machen, Vater!

Vater. Obschon die Erfahrung von so vielen Jahren
uns hinlänglich überzeugt hat, daß die Kuhpocken ein
sicheres Schutzmittel wieder die natürlichen Pocken
sind, sind man dennoch Aeltern, welche aus Eigensinn
oder Aberglauben weigern, diese heilsame Operation an
ihren Kindern verrichten zu lassen, wo-

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für sie aber, wenn dieselben von den natürlichen
angefallen werden oft schwer büßen müssen.

– – –

SECHSTES GESPRÄCH

– – –

Vater. Gestern Abend habe ich euch von manchen für die
Menschheit nützlichen Erfindungen erzählt. Heute werde
ich euch über den Ursprung und die Schicksale der
Städte, Flecken und Dörfer in unserm Vaterlande
unterhalten. Wie theilt man die Grafschaft Bentheim ein?

Heinrich. In die Ober und Niedergrafschaft.

Vater. Welche Oerter gehören zu der
Obergrafschaft?

Heinrich. Außer den Flecken Bentheim und
Gildehaus, die Städte Schüttorf und Nordhorn, und die
Dörfer Ohne und Brandlegt.

Vater. Welche Oerter liegen in der
Niedergrafschaft?

Heinrich. Die Stadt Neuenhaus und die Dörfer
Veldhausen, Ulsen, Emlichheim, Wilsum und Laar.

Vater. Welches sollten wohl die ältesten
Pflanzungen seyn, die Bauernschaften oder die Städte
oder Dörfer?

Heinrich. Ich denke die Städte und Dörfer?

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Vater. Du hast Unrecht. Die Bauerschaften sind viel
älter. Ihre Anlage verliert sich im grauen Alter. Die
Städte und Dörfer sind erst nach dem Jahre 800
entstanden. Die Veranlassung dazu gab die Einführung des
Christenthums. Als unsere Vorältern die Christliche
Religion annahmen, mußten sie eine Kirche haben, in der
sie diese Religion öffentlich ausübten. Die
Eingesessenen von mehreren Bauernschaften traten
zusammen und baueten auf gemeinschaftliche Kosten, an
einem ohngefähr in der Mitte dieser Bauernschaften
gelegenem Platze, eine Kirche, damit keine gar zu weit
von derselben entfernt seyn mögte. Bey dieser Kirche
mußte ein Priester, Kapellan und Küster wohnen und so
entstanden von selbst mehrere Häuser. Da die Kirche der
Sammelplatz aller Eingesessenen dieses Bezirks war,
baueten Gastwirthe, Kaufleute und Handwerker hier auch
Häuser, und so entstanden die Dörfer und zuletzt die
Stadte.

Vater. Welches ist der Hauptort unserer
Grafschaft?

Bernhard. Bentheim.

Vater. Recht. Von diesem Flecken trägt die ganze
Grafschaft ihren Namen. Das Haus zu Bentheim scheint die
erste Anlage, in diesem Lande gewesen zu seyn. Einige
glauben, daß Druses der Stiefsohn Kaisers Augusti, hier
schon eine Burg aufge-

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führt habe. Das gegenwärtige Schloß die Wohnung der
Grafen von Bentheim, ist aber spätern Ursprungs.

In der Nähe des Fleckens findet man den bekannten
Schwefelbrunnen, bey welchem S. D. der regierende Fürst
ALEXIS ZU BENTHEIM-STEINFURTH, mit Genehmigung S. M.
unseres allergnädigsten Königs, im Jahr 1820. angefangen
hat, eine Bade-Anstallt zu stiften.

Heinrich. Sollte das Baden in diesem Wasser, denn
heilsamer seyn, als in anderm Wasser?

Vater. Allerdings, Mehrere Kranke haben bey dem
Gebrauch dieses Schwefelbades schon Hülfe gefunden, und
dieses berechtigt uns zu der Hoffnung, daß die großen
Kosten, welche der Fürst ALEXIS an diese neue Anlage
wendet, ihren zweck nicht verfehlen werden.

Heinrich. Es wundert mich, daß man nicht schon
früher auf diesen Brunnen aufmerksam geworden ist.
Vielleicht kannte man aber den Nutzen desselben nicht?

Vater. Die Heilkraft dieser Quelle war vor
Hundert Jahren schon bekannt. Der Graf von
MANDERSCHEID-BLANKENHEIM, Vormund des damals noch
minderjährigen Grafen HERMANN FRIEDRICH VON BENTHEIM,
hatte schon im Jahr 1711. bey diesem Schwefelbrunnen,
über welchen der Arzt EVHAUSEN 1713 und der Landphisikus
[sic!] SCHÜTTE 1755.

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gelehrte Abhandlungen geschrieben haben, einige kleine
Gebäude aufführen lassen, welche aber in der Folge
wieder abgebrochen sind.

Bernhard. Warum Vater?

Vater. Die Ursachen sind mir nicht völlig
bekannt. Genug es blieb dem Fürsten ALEXIS vorbehalten,
bey dem Brunnen im BENTHEIMER Walde, eine Badeanstalt zu
stiften und sich dadurch ein Denkmal bey der Nachwelt zu
errichten.

Vater. Welche Stadt ist die älteste in der
Grafschaft Bentheim?

Heinrich. Schüttorf.

Vater. Ursprünglich war diese Stadt, so wie fast
alle alte Städte nur ein Dorf und daher rührt der Nahme
Schüt-torp oder Schüt-dorp. Im Jahre 1295 erhielt sie
die ersten StadtPRIVILEGIEN. In älteren Zeiten hatte sie
außer den Mauern, auch Wälle mit doppelten Graben. Im
Jahre 1588 legte Graf ARNOLD hier eine hohe Schule an,
welche aber wegen der Spanischen Kriegsunruhen 1591 nach
STEINFURTH verlegt wurde. Bey der Stadt sieht man noch
die Ueberbleibsel der vormaligen berühmten Burg ALTONA.

Heinrich. Warum mag diese Burg ALTONA genannt
seyn?

Vater. Vielleicht weil sie ALL ZU NAH bey
BENTHEIM lag. Die Kirche zu SCHÜTTORF wurde

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im Jahre 1477 und der hohe Turm 1502 erbauet.

Vater. Welche ist die zweyte Stadt in der
Obergrafschaft?

Bernhard. Nordhorn.

Vater. Man behauptet, daß diese Stadt ihren
Nahmen von einem alten Thurm führe.
[sic!] der hier in
vorigen Zeiten stand und welcher der Noththurm genannt
wurde, weil man zur Nothzeit die Nachbaren von diesem
Thurm warnte. Die Kirche welche außer der Stadt liegt,
wurde 1489 erbauet. Die Thurmspitze wurde den 12ten
December 1747 durch einen gewaltigen Sturmwind
abgeworfen. Im dreißigidrigen
[sic!] Kriege wurde die
Stadt zweimal eingenommen. Im Jahre 1634 von den
Kaiserlichen, und 1637 von den Schweden. Bey dieser
letzteren Einnahme wurden 120 Häuser in die Asche
gelegt. Im Jahre 1636 herrschte hier die Pest, an
welcher über tausend Menschen starben. Im Jahre 1672
wurde die Stadt 24 Stunden lang von den Münsterischen
beschoßen, wodurch sie aber durch Gottes Fügung keinen
besondern Schaden erlitt.

Vater. Was wisset ihr von Gildehaus zu erzählen.

Heinrich. Daß es ein großes und ansehnliches
Dorf oder Flecken ist, und daß daselbst schöne weiße

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Steine, welche größern Theils zu Schiffe nach Holland
gehen, gebrochen werden.

Vater. Diesen Steinen, von welchen das schöne
Rathhaus, gegenwärtig der Königliche Pallast in
Amsterdam gebauet ist, hat Gildehaus vorzüglich seinen
Anwachs und Flor zu verdanken. In dem Niederländischen
Freyheitskrieg, litt es wegen der Nähe von Oldenzaal und
Denekamp viel von den Spaniern, besonders im Jahre 1594.

Vater. Wie heißen die übrigen Dörfer in der
Obergrafschaft?

Bernhard. Ohne und Brandlegt.

Vater. Was wisset ihr von Ohne Kinder?

Heinrich. Das dieses ein kleines Dorf an der
Münsterschen Grenze ist.

Vater. Die Ueberlieferung sagt: daß die Kirche zu
Ohne die älteste in hiesiger Gegend sey und daß die
Eingesessenen aus allen benachbarten Oertern, selbst aus
dem Münsterschen, in den ersten Jahrhunderten des
Christenthums hieher zur öffentlichen Religionsausübung
gekommen seyen und daß der Ort davon ursprünglich GOTTES
OHNE genannt sey. im Jahre 1754 am Himmelfarthstage
[sic!] den 24ten Mey, brach hier Feuer aus, welches das
ganze Dorf, binnen einer halben Stunde in die Asche
legte. Ein Knabe, der ein Raupennest in der Nähe einer
Torfscheune verbrennen wollte, verursachte dieses
Unglück.

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Johanna. Das mußte ein böser Bube seyn Vater?

Vater. Nenne ihn lieber unvorsichtig und lerne
daraus, daß man mit Feuer vorsichtig umgehen muß. Ein
einzelner Funke kann einen ganzen Ort unglücklich
machen. Kinder müssen vor allem nicht mit Feuer spielen
und die Aeltern müssen ihnen solches nicht anvertrauen.

Im Jahre 1795 wäre dies nämliche Dorf bald wieder ein
Raub der Flammen geworden. Die sich von Bentheim
zurückziehenden Braunschweigischen und Hessischen
Truppen steckten, um ihren Rückzug zu decken, die Brücke
zu Ohne in Brand. Durch den Schutz der göttlichen
Vorsehung blieb aber das Dorf von den Flammen befreyt.

Vater. Welches Dorf liegt außer Ohne noch in der
Obergrafschaft?

Heinrich. Brandlegt.

Vater. Dieses Dorf führt seinen Nahmen von dem
ehemaligen Schlosse, jetzt das Haus zu Brandlegt
genannt, welches vormals der adelichen Familie von Rhede
gehörte und gegenwärtig das Eigenthum des Freyherrn von
Dorste-Vischering zu Darrfeld ist, der seine hier
liegenden Güter durch einen auf dem Hause wohnenden
Rentmeister verwalten läßt. Das Haus hat Sitz und Stimme
auf dem Provincial-Landtag und auch das Recht, die
Prediger und

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Schulmeisterstelle zu vergeben. Im Jahre 1672 stand auf
der Brandlegter Heide ein ansehnliches Lager von
Münsterischen und Köllnischen Truppen, welche unter
Anführung ihres tapferen Fürstbischofs, Christophers
Bernhards von Galen in Zeit von 2 Monathen ganz
Oberyssel eroberten.

Siebentes Gespräch.

—-

Vater. Welche Oerter gehören zu der Niedergrafschaft?

Bernhard. Neuenhaus, Veldhausen, Ülsen
Emlichheim, Laar und Wilsum.

Vater. Wisset ihr auch Kinder, woher der Nahme
Neuenhaus entstanden ist?

Heinrich. Vielleicht von einem neuen hier
erbaueten Hause.

Vater. Ganz recht. Graf Johann der IIte ließ am
Ende des 13ten Jahrhunderts, hier das Haus Dinkelrode
bauen, in der Folge das Amthaus genannt. Dieses Haus,
erhielt den Nahmen: NEUES HAUS, um es von dem ALTEN dem
Hause oder Schlosse zu Bentheim zu unterscheiden. In der
Nachbarschaft dieses neuen Hauses wurden von Zeit zu
Zeit mehrere Häuser gebauet, wozu die gün-

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stige Lage dieses Orts zu dem Handel nach Holland, auch
wohl vieles mag beygetragen haben, und so entstand
endlich die Stadt Neuenhaus. Die ersten
Stadtgerechtigkeiten erhielt sie im Jahre 1376. Das
feste Schloß war in älteren Zeiten oft ihrer Ruhe
nachtheilig. In dem 30jährigen Krieg und in der
Münsterischen Fehde mit den Niederländern, litt sie
viel. Im Jahre 1635 nahmen die Kaiserlichen sie ein. Im
Jahre 1674 wurde sie von dem Holländischen General
Rabenhaupt mit Sturm eingenommen und geplündert. Die
langwierige Münsterische Einquartierung in den Jahren
1672 bis 1674 versetzte sie in schwere Schulden, die
durch die Französische Einquartierung und
mannichfaltigen Lieferungen im Jahre 1795 noch vermehrt
wurden.

Vater. Welches Dorf folgt nun?

Heinrich. Veldhausen.

Vater. Dies Dorf führt seinen Nahmen von einigen
am Felde gelegenen Häusern, bey welchen die Kirche
erbauet wurde, damit die Eingesessenen von allen
umliegenden Bauernschaften dieselbe füglich besuchen
könnten.

In der Nähe dieses Dorfs liegt der sogenanntge
Bischofs-Phul, wo die Holländer unter dem
Obrist-Lieutenant Eibergen sich im Jahre 1674 verschanzt
hatten. Ihre Verschanzung wurde aber von dem
Münsterischen General Nagel erobert, wobey viele Men-

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schen getödtet wurden, und 1500 Holländer in
Münsterische Gefangenschaft geriethen.

Den 30sten August 1816 wurden durch eine unglückliche
Feuersbruust [sic!] in
diesem Dorfe 54 Gebäude eingeäschert.

Bernhard. Wie kam das Vater?

Vater. Dieser Brand entstand so wie die meisten
Feuersbrünste entstehen, durch Unachtsamkeit. Ihr
wisset, daß man in unserer Grafschaft die Gewohnheit
hat, den Flachs an der Sonne zu trocknen oder zu wärmen,
damit man ihn desto besser brechen könne. Bey dunklen
oder regnigtem Wetter setzen unvorsichtige Leute
denselben wohl beym Feuer oder um den Heerd. Obschon
dieses nun von der Obrigkeit verboten ist, und mit einer
Geldbuße bestraft wird, so findet man dennoch Menschen,
die ohngeachtet dieses so heilsamen Verbots und der
Gefahr, welcher sie ihre Haab- und Güter aussetzen den
Flachs beym Feuer in der Küche wärmen, um ihn spröde und
zum brechen geschickter zu machen. Solches that auch
eine Frau in VELDHAUSEN, und sehet da! Der größte Theil
des Dorfs wurde in einen Aschenhaufen verwandelt. Viele
Menschen verloren ihre Wohnungen und Güter, und eine
Frau büßte ihr Leben dabey ein.

Heinrich. Das war traurig Vater! Aber wie kamen
die unglücklichen Abgebrannten, wieder zu Häusern?

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Vater. In der Grafschaft BENTHEIM besteht eine sehr
nützliche Einrichtung, die Brandcasse genannt. In dieser
läßt man sein Haus versichern und wenn es abbrennt,
erhält man aus dieser Casse die Summe, zu welcher es
versichert war.

Heinrich. Aber wer bezahlt denn diese Gelder?

Vater. Alle Eingesessene, welche ihre Häuser in
der Brandcasse haben versichern lassen, tragen dazu
verhältnismäßig, oder nach der Größe der Summe, worauf
ihre Häuser angeschrieben sind, etwas bey. Aus dieser
Casse erhielten denn die unglücklichen Einwohner zu
VELDHAUSEN eine beträchtliche Summe Geldes und außer
diesen Geldern, welche sie zu fordern hatten, empfingen
sie aus allen Oertern der Grafschaft ansehnliche
freywillige Beyträge an Korn, Kleidungsstücken und Geld.

Unglücklichen, liebe Kinder! muß man helfen. Dieses ist
die Lehre JESU und eine Pflicht, deren Ausübunge uns die
reinsten Freuden schenkt und die nach diesem Leben, die
schönste Belohnung zu erwarten hat.

Matth. 25.

Vater. Ich habe euch bey VELDHAUSEN lange
aufgehalten, um mit der Erzählung einige nützliche
Lehren zu verbinden. Wer unter euch weiß mir nun von
ÜLSEN etwas zu sagen?

Heinrich. Daß dieses Dorf mit den dazu ge-

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hörenden Bauernschaften das größte Kirchspiel in der
Grafschaft ist.

Vater. In vorigen Zeiten war der Thurm 280 Fuß
hoch. Im Jahre 1683 den 8. Februar wurde derselbe durch
Brand, den ein Gewitter verursachte, zernichtet. Der Brand entstand
des Abends und währte bis den folgenden Tag. Um 9 Uhr
des Morgens stürzte der Thurm mit einem schrecklichen
Geprassel zusammen. Die Kirche ist sehr alt. Eine
Urkunde von 1131 erwähnt ihrer schon. Der berühmte
JOHANN NYHOFF, von welchem wir die schönsten
Reisebeschreibungen nach CHINA und BRASILIEN haben,
wurde hier geboren. In diesem Dorfe hatten die mächtigen
Herren VON TOREN oder THURN, ehemals ihre Ritterburg.

Vater. Welche Dörfer hat man außer Ülsen noch in
der Niedergrafschaft?

Bernhard. EMLICHHEIM, WILSUM und LAAR.

Vater. EMLICHHEIM wurde in alten Zeiten
EMMELENKAMP genannt, welches vielleicht heissen soll
EMMONS Haus. Ursprünglich war dieses Dorf eine besondere
Herrlichkeit. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts litt es
viel durch Brandschaden, welchen boßhafte Menschen
vorsätzlich anstifteten.

Johanna. Wie konnten die Menschen doch so böse
seyn?

Vater. Ein Mensch, der sich von seinen Leiden-

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schaften beherrschen läßt, JOHANNA! ist mehr zu
fürchten, als das wilde Thier in den Wäldern. Wir müssen
uns von Jugend auf gewöhnen; die sündlichen Neigungen,
welche in unserm Herzen aufkeimen z. B. Haß, Neid, Zorn,
Rache u.s.w. durch Vernunft und RELIGION zu bekämpfen.

Heinrich. Ist ARKEL nicht auch ein Dorf Vater?

Vater. Arkel ist nur eine Bauerschaft des
Kirchspiels Emlichheim. Es steht hier aber eine Kapelle,
in welcher die Emlichheimer Prediger jeden Monath einmal
predigen müssen. Das Hohe Königliche Ministerium zu
Hannover hat im Jahre 1819 auf den Vortrag des
Königlichen Oberkirchenraths dieser und einigen andern
mit ihr vereinigten Bauerschaften bewilligt, einen
eigenen Prediger halten zu mögen, von welcher
Bewilligung die Gemeinde auch schon Gebrauch gemacht
hat.

Nun muß ich euch noch etwas von Wilsum und Laar
erzählen.

Wilsum ist ursprünglich eine Bauerschaft des Kirchspiels
Ülsen. Sie hatte aber eine Kapelle, bey welcher vor der
Reformation ein Kapellan angestellt war und in welcher
nach derselben die Prediger zu Ülsen jeden Donnerstag
predigen mußten. Im Jahre 1662 erlaubte der Graf Ernst
Wlhelm dieser Gemeinde, so wie das Königliche
Ministerium solches

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in unserer Zeit, der Bauerschaft ARKEL bewiligt hat,
einen eigenen Prediger halten zu dürfen. Im Jahre 1701
wurde diese Einwilligung bestätigt. Im Jahre 1725 wurde
hier eine neue Kirche gebauet. Im Jahre 1805 wurde der
Gemeinde erlaubt, ihre Todten, welche sonst nach ÜLSEN
gebracht werden mußten, auf ihrem eigenen Todten-Hofe
beerdigen zu mögen.

Das Dorf LAAR führt seinen Nahmen von dem ehemaligen
Schlosse oder Hause LAAR welches Sitz und Stimme auf dem
Landtage hatte. Im Anfang des vorigen Jahrhunderts starb
der letzte Abkömmling des Geschlechts der Herren von und
zu LAAR. Ihre Güter fielen nach dem Lehnrechte dem
Landesherrn anheim. Bey den Belagerungen der Festung
KOEVERDEN hat dieses Dorf immer viel leiden müssen. In
den Jahren 1552 bis 1594, als die Spanier KOEVERDEN
belagerten, wurde es ganz verwüstet. Im Jahre 1692 als
der Bischof CHRISTOPHER BERNHARD von GALEN KOEVERDEN
eroberte, wurde es auch hart mitgenommen.

Vater. Wie viele Klöster waren vorher in der
Grafschaft BENTHEIM?

Heinrich. Zwey WIETMARSCHEN und FRENSWEGEN.

Vater. In vorigen Zeiten waren drey Klöster
vorhanden. In SCHÜTTORF war auch ein Kloster

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welches bei der REFORMATION im 16ten Jahrhundert
aufgehoben wurde.

Vater. Wisset ihr auch, zu welcher Zeit die
Klöster WIETMARSCHEN und FRENSWEGEN gestiftet sind?

Heinrich. Nein Vater.

Vater. WIETMARSCHEN wurde im Jahre 1154 von der
Gräfin GERTRAUT . der Wittwe des Pfalzgrafen OTTO –
gestiftet. Ein wüster Strich Landes zwischen BAKELO und
LOHNE gelegen, der WEITE oder ENTFERNTE MARSCH genannt,
wurde mit Zustimmung der Herren, welche darauf einiges
Recht hatten, zu der Stiftung dieses Klosters geschenkt.
Ursprünglich war es ein Manns-Kloster. Im 13ten
Jahrhundert wurde es ein Frauenstift.

FRENSWEGEN wurde mehr als zweyhundert Jahre später,
nämlich im Jahre 1394 von dem Grafen BERNHARD angelegt,
der ein Freund der Geistlichen war, diese neue Anlage
sehr oft besuchte, das Kloster mit vielen Einkünften
bereicherte und auch in der Klosterkirche, vor dem
Haupt-Altar begraben wurde. Beide Klöster wurden im
Jahre 1806 aufgehoben.

Achtes Gespräch.

Vater. Gestern habe ich euch über die besonderen Schicksale der
Städte und Dörfer unseres Vaterlan-

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des unterhalten. Heute werde ich euch mit einigen
Begebenheiten bekannt machen, welche die ganze
Grafschaft betreffen. Erinnert ihr euch noch wohl
Kinder! daß wir im Jahre 1817 das REFORMATIONSFEST
gefeyert haben?

Heinrich. Ich wohl.

Bernhard. Ich auch wohl.

Vater. Wie lange ist es denn schon, daß der
größte Theil der Eingesessenen der Graftschaft BENTHEIM
die reformierte RELIGION angenommen hat?

Heinrich. Drey hundert Jahre

Vater. Es sind Dreyhundert Jahre, daß die
REFORMATION den Anfang nahm, aber nur 275 Jahre, daß sie
in der Grafschaft BENTHEIM statt hatte. ARNOLD der I
führte im Jahr 1544 die EVANGELISCH-LUTHERISCHE Lehre
hier ein, und ARNOLD der II ein Enkel ARNOLDS des I
gieng im Jahre 1574 mit dem größten Theil seiner
Unterthanen von der EVANGELISCH-LUTHERISCHEN zu der
REFORMIERTEN RELIGION über.

Heinrich. Fand diese REFORMATION nicht einen
starken Widerstand?

Vater. Im Anfang, gewiß. Da aber die Lehrer dem
Beyspiel des Landesherrn folgten, und die gemeinen Leute
dachten, daß jene besser, als sie über

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die RELIGION urtheilen könnten, fand die Annahme der
neuen Lehre nur wenige Schwierigkeiten.

Heinrich. Welche Bewandtniß hatte es in der
damaligen Zeit mit dem Schulunterricht?

Vater. Mit diesem sah es elend aus. Viele
erwachsene Menschen konnten weder Lesen noch Schreiben.
Graf ARNOLD JOBST verbesserte das Schulwesen auf dem
platten Lande, aber anstatt, daß man hierin die
väterliche Sorgfalt des Landesherrn sollte erkannt
haben, murreten viele darüber, indem sie glaubten daß
man das Lesen und Schreiben füglich entbehren könnte.

Bernhard. Das glaube ich nicht Vater.

Johanna. Ich auch nicht.

Vater. Nun dann müsset ihr ferner von dem
Schulunterricht, welcher von Zeit zu Zeit noch mehr
verbessert wird, einen fleißigen Gebrauch machen und
niemals denken: ich kann wohl so viel lesen, als ich in
meinem Stande nöthig habe, denn ihr wisset nicht Kinder!
wozu es euch einmal dienen kann.

Da der Abend noch nicht weit vorgerückt ist, so werde
ich den übrigen Theil desselben anwenden, um euch etwas
von den schrecklichen Zeiten zu erzählen, welche unsere
Vorältern am Ende des 16ten und im Anfang des 17ten
Jahrhunderts erlebt haben.

Die mannigfaltigen Bedrückungen und Mißhandlungen,
welche die Niederländer von dem König von

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Spanien – ihrem Landesherrn – zu erdulden hatten,
verursachten endlich, daß sie zu den Waffen griffen.
Nach einem 80jährigen Krieg glückte es ihnen, das
unerträgliche Joch ab zu schütteln, und sich frey zu
machen.

Während dieses langwierigen Krieges, zogen die Spanier
sehr oft durch unsere Grafschaft, mißhandelten die
Einwohner und plünderten sie rein aus.

Heinrich. Aber was hatte die Grafschaft BENTHEIM
mit dem Krieg zwischen den Spaniern und den
Niederländern zu schaffen?

Vater. Nichts, Heinrich! Aber das Sprichwort
sagt: wenn die Gewalt kömmt, dann ist es mit dem Recht
aus.

Die Grafschaft BENTHEIM war ein parteyloses Land und
doch wurde sie von den Spaniern, als ein feindliches
behandelt.

Bernhard. Aber empörten sich die Einwohner denn
nicht gegen die Spanier, nach dem Beyspiel der
Niederländer?

Vater. Sie vertheidigten bisweilen ihr Eigenthum,
wenn aber die Spanier Meister wurden, kam ihnen der
Wiederstand [sic!] theuer zu stehen.

Johanna. Die Spanier müssen recht böse Leute
gewesen seyn.

Vater. Ja wohl waren sie böse, um euch nur eine
Probe davon zu erzählen, werde ich folgendes anführen.

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Den 24 April 1584 überfielen sie die Bauerschaft HALLE
im Kirchspiel ÜLSEN, ermordeten 13 Menschen, brachten
mehreren anderen tödliche Wunden bey und raubten alles,
was sie nur mitführen konnten. Im Anfang des Jahres 1594
kam ein Trupp Spanier von OOTMARSCHEN, und lockte viele
NEUENHÄUSER unter dem Vorwande, ihr Vieh aus der Weide
rauben zu wollen, außer der Stadt. hier wurden sie bald
von den Spaniern umzingelt, die Ihnen PARDON
versprachen, wenn sie ihre Waffen wegwerfen wollten. Die
treulosen Spanier hielten aber ihr Wort nicht. Sie
hieben die wehrlosen Bürger nieder und als viele, um ihr
Leben zu retten, sich in die Scheune von SPIKMANN in der
BORG flüchteten, stecken diese BARBAREN diese Scheune in
Brand. SECHSZIG MENSCHEN kamen dabey auf eine
jämmerliche Art um das Leben, unter welchen sich ein
angesehener Bürger aus NEUENHAUS, Nahmens JOHANN VON
DORSTEN befand.

Vom Monath NOVEMBER 1593 ab, bis den 21ten May 1594 ward
KOEVERDEN von den Spaniern unter dem Befehl des GENERALS
VERDUGO belagert. Während dieser Belagerung wurde fast
die ganze Niedergrafschaft von ihnen verwüstet.

Heinrich. Wo blieben die Menschen denn Vater?

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Vater. Viele nahmen die Flucht nach HOLLAND.
Andere nach NEUENHAUS, welches damals eine feste Stadt
war. Diese Stadt war so mit Menschen angefüllt, daß
ganze Familien vor den Thüren auf der Straße liegen
mußten. Mangel an Lebensmitteln, an frischer Luft und
Reinigung brachten endlich die Pest in die Stadt, an
welcher in einer sehr kurzen Zeit Tausende starben.

Die Einwohner von ESCHE hatten sich in dem Hause ESCHE
verschanzt. Krankheiten und Hunger zwangen sie aber
endlich zur Uebergabe. Alle hier zusammen gebrachte
Güter fielen den Spaniern in die Hände. Der Schade, den
diese verruchten Bösewichter anrichteten, war ungeheuer
groß. Eine gerichtlich darüber angestellte Untersuchung
zeigte, daß das Kirchspiel EMLICHHEIM FÜNFZIG TAUSEND,
Das Kirchspiel ÜLSEN VIERZIG TAUSEND, Das Kirchspiel
VELDHAUSEN VIERZIG TAUSEND, SECHSHUNDERT Reichsthaler,
durch Raub und Plünderung verloren hatte, wobey zu
bemerken ist, daß der Schade, den VELDHAUSEN gelitten
hat, nur zum Theil und zwar während der ersten Monathe
der Belagerung von KOEVERDEN angegeben ist, indem
derselbe in der Folge nicht mehr zu berechnen war.

Heinrich. Konnte der Landesherr dann nichts für
seine Unterthanen thun?

Vater. Obschon der gute ARNOLD die Spani-

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schen Befehlshaber herrlich auf seinem Schlosse zu
BENTHEIM bewirthete und ihnen manche ansehnliche
Geschenke gab, fuhren die Undankbaren doch fort mit der
Plünderung seines Landes, und der Mißhandlung seiner
Unterthanen.

Heinrich. Wie besiegten die Menschen doch dieses
Elend Vater?

Vater. Der gütige Gott gab solche fruchtbare
Jahre, daß sie in einer sehr kurzen Zeit, ihren Verlust
ersetzen konnten.

Bernhard. Wie lange hat dieses Elend gedauert?

Vater. Verschiedene Jahre, und als dieses
schreckliche Gewitter vorüber war, kam ein neues wieder
auf. Im Jahre 1609 endigten die Bedrückungen der
Spanier; aber im Jahre 1618 brach der 30jährige Krieg
loß, der für unser Vaterland eine neue Quelle des Elends
war. Dieser Krieg wurde zwischen dem Kaiser, dem König
von Spanien und den CATHOLISCHEN Ständen des Reichs auf
der einen Seite und zwischen dem König von Frankreich,
dem König von Schweden und den PROTESTANTISCHEN
Reichsständen auf der anderen Seite geführt. Unser
Vaterland war bald von den Schweden, bald von den
Hessen, bald von den Kaiserlichen besetzt. Es mußte mehr
Geld aufbringen, als die Kräfte der Einwohner erlaubten.
Man fragte nicht, ob die

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Bürger und Bauern bezahlen könnten, sondern man foderte
jeden Monat eine schwere Schatzung und wenn dieselbe zur
bestimmten Zeit nicht bezahlt wurde, führte man die
Bürgermeister und auch wohl die Prediger weg, welche so
lange gefangen gehalten wurden, bis die rückständige
Schatzung bezahlt war.

Heinrich. Das mußte eine traurige Zeit seyn!

Vater. Ja wohl, Heinrich! In der Stadt NEUENHAUS
standen viele Häuser leer. Die Einwohner verliessen ihr
Vaterland, weil sie die Schatzung nicht bezahlen
konnten. Die RELIGION geriet in Verfall und die Jugend
wurde nicht mehr unterwiesen.

Heinrich. Wie lange hat das wohl gedauert, Vater?

Vater. Vom Jahre 1618 bis 1648, da der Friede zu
MÜNSTER, über welchen man 4 Jahre unterhandelte, diesen
langwierigen Krieg beendigte. Die PROTESTANTEN erhielten
durch diesen Frieden die freye RELIGIONSAUSÜBUNG und
gleiche Rechte mit den CATHOLIKEN. Man nennt ihn den
Westphälischen Frieden, weil OSNABRÜCK, wo man erst
unterhandelte und MÜNSTER wo man zum Abschluß kam, in
Westphalen liegen.

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Neuntes Gespräch.

– – –

Heinrich. Ich habe oft reden hören von der Bischofszeit, weißt Du
uns davon auch was zu erzählen Vater?

Vater. Dadurch versteht man die Zeit, als der
Bischof CHRISTOPHER BERNHARD VON GALEN Krieg gegen die
HOLLÄNDER führte. Dies geschah in den Jahren 1665 und
1672. In dem ersten Krieg hat die Grafschaft wenig
gelitten, aber desto mehr in dem zweyten. Der Bischof
von MÜNSTER belagerte damals die Festung KOEVERDEN, und
eroberte dieselbe in wenigen Tagen. Alle seine Soldaten
zogen durch die Grafschaft, und verursachten den
Eingesessenen schwere Kosten. Am Ende dieses Jahres
wurde KOEVERDEN durch Ueberrumpelung von den Holländern
wieder eingenommen. Diese verfolgten die Münsterischen
bis NEUENHAUS, welches stürmender Hand von den
Holländern erobert wurde, wobey die Bürger viel zu
leiden hatten. Im Jahre 1674 wollte der Bischof
KOEVERDEN den Holländern wieder entreißen und ließ, um
die Stadt durch das Wasser zur Uebergabe zu zwingen, bey
dem Hause GRAMSBERGEN einen Damm durch die Vechte
werfen, an welchem alle Einwohner unsers Landes arbeiten
mußten. Hun-

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derte von Wagen und Karren wurden täglich geprest
[sic!], um Sand an zu fahren. Dieser mit unsäglicher
Mühe und Kosten von BENTHEIMISCHEN-OBERYSSELSCHEN und
MÜNSTERISCHEN Landleuten, aufgeworfener Damm brach aber
bey einem im SEPTEMBER-Monath anhaltenden starken Regen
und Wind durch und die Belagerung ward aufgehoben.
Sämmtliche Belagerungstruppen nahmen ihren Rückzug durch
die Grafschaft, und verursachten aufs neue schwere
Unkosten.

Von nun an genoß unser Vaterland das große Glück des
Friedens, bis im Jahre 1756 der siebenjährige Krieg
ausbrach.

Heinrich. Hat die Grafschaft in diesem Kriege
auch so viel gelitten?

Vater. Nicht so viel, als andere Länder. Am
meisten hat BENTHEIM des Schlosses wegen gelitten,
welches mehrere Male beschossen wurde und bald von den
Franzosen, bald von den Hannoveranern besetzt war.

Johanna. Wurden die Leute in diesem Kriege auch
so geplagt, als in den vorigen?

Vater. So schlimm war es nicht. Die Franzosen
forderten indessen eine schwere Brandschatzung aus der
Grafschaft. Im Jahre 1762 mußte sie zweymal hundert
tausend RATIONEN liefern.

Bernhard. Was ist eine RATION Vater?

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Vater. So nennt man dasjenige, was ein Pferd täglich zu
seinem Unterhalt nöthig hat und welches gewöhnlich auf
10 Pfund Heu, 10 Pfund Hafer und eben so viel Stroh
gerechnet wird. Jede RATION wurde damals auf 10 Stüber
angeschlagen, so daß die Grafschaft HUNDERT TAUSEND
GULDEN an Geldes werth aufbringen mußte.

Heinrich. Fiel sonst in diesem Lande nichts
erhebliches vor?

Vater. Im Jahre 1762 hatte eine gewaltsame
Aushebung von 250 Train Knechten zum Dienst der
Hannövrischen Truppen statt. Die jungen Leute nahmen die
Flucht und einige Hausväter wurden mitgenommen, welche
man aber, weil sie unentbehrlich waren, größten Theils
wieder gehen ließ.

In diesem Jahre foderten auch die Franzosen eine
Brandschatzung von HUNDERT TAUSEND GULDEN, welche über
die Gemeinden vertheilt und durch Zwangsmittel
beygetrieben wurde. Am Ende dieses Jahrs wurde der
Friede geschlossen.

Den 1sten Jan. 1763 wurde diese frohe Begebenheit durch
die Prediger von den Kanzeln öffentlich bekannt gemacht,
und am 6ten Januar deswegen ein feyerliches Dankfest
gehalten.

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Zehntes Gepräch.

Heinrich. Man hat mir gesagt, daß alles in vorigen Zeiten weit
wohlfeiler gewesen sey, als jetzt; ist das würklich so,
Vater?

Vater. Das Geld war in vorigen Zeiten seltener;
wovon die natürlich Folge seyn mußte, daß man die Waaren
zu solchen hohen Preisen nicht kaufen und verkaufen
konnte als in späteren Zeiten, da die Leute mehr Geld
hatten.

Im Jahre 1571 kaufte man 100 Pfund Stockfisch für 5
Gulden, mithin das Pfund für einen Stüber, eine Tonne
Honig für 18 Gulden, ein Pferd für 27 Gulden und ein
Paar Ochsen für 17 Holländische Thaler oder für 25
Gulden und 10 Stüber. Ein Knecht verdiente jährlich 7
Gulden, eine Magd 3 Gulden und ein Tagelöhner täglich 1
Stüber und 2 Pfennige.

Bernhard. Was kostete damals wohl der Scheffel
Roggen Vater?

Vater. Im Jahre 1546 kostete eine Last Roggen in
Zwoll 120 Gulden und 8 Stüber, das ist der Scheffel nach
Zwollischen Maaß 24 Stüber. Dieses war damals ein
ungeheurer Preiß, der nur die Folge eines gänzlichen
Miswachses seyn könnte. Im Jahre

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1548 war das Getreide so wohlfeil, daß man eine Last des
besten Weizens in ZWOLL für 21 Gulden, eine Last Roggen
für 12 Gulden und 12 Stüber und eine Last Hafer für 8
Gulden und 8 Stüber kaufen könnte. Im folgenden
Jahrhundert stiegen aber die Preise schon ansehnlich.
Hier habt ihr eine Liste der Preise des Roggens während
des Zeitraumes von sechs und achtzig Jahren in der
Grafschaft BENTHEIM.

Der Scheffel ist das Zwollische Maaß zu Hundert auf eine
Last. In der ersten COLONNE findet ihr das Jahr, in der
2ten und dritten die verschiedenen Preise desselben
Jahres.

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LISTE der Preise des Roggens, in
der Grafschaft BENTHEIM von 1695 bis 1780.

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LISTE der Preise
des Roggens, in der Grafschaft BENTHEIM von 1695 bis
1780.


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Heinrich. Woher kam es, daß der Roggen in den
Jahren 1699, 1709 und 1740 so theuer war?

Vater. Der Winter war in diesen letzteren beiden
Jahren außerordentlich strenge; der Roggen wurde durch
den Frost beschädigt und daher die hohen Preise!

1698 war der Roggen so schlecht, daß die Menschen von
dem darauf gebackenen Brote schwindelig und krank
wurden, guter alter Roggen kostete deswegen 1699 55 bis
60 Stüber der Scheffel.

Johanna. Weißt du uns nun nichts mehr zu erzählen
Vater!

Vater. Ich bin jetzt zu dem Theil der
vaterländischen Geschichte gekommen, welcher noch im
frischen Andenken ist. Da ihr aber nur wenige der
Begebenheiten, von welchen ich Augenzeuge war erlebt
habt, so werde ich euch das wichtigste in gedrängter
Kürze erzählen. Im Jahre 1789 empörten sich die
Franzosen gegen ihren gesetzmäßigen König, den sie den
21sten Januar 1793 auf dem Blutgerüste enthaupteten. Die
Königin hatte nebst des Königs das nämliche Schicksal.
Tausende von Menschen, welchen man nichts als ihre
Anhänglichkeit an den rechtmäßigen König vorwerfen
konnte, wurden auf gleiche Art durch den Scharfrichter
hingerichtet. Die GUILLOTINE – ein Werkzeug – das diesen
Nahmen von seinem Erfinder GUILLOT trägt, war täglich in
Bewegung, um die Köpfe unschuldiger Menschen vom

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Rumpfe zu trennen. Frankreich stand wider ganz EUROPA
und EUROPA gegen Frankreich auf. Die blutigsten
Schlachten wurden geliefert, und die verbündeten Mächte
waren schon bis in das Herz von Frankreich vorgedrungen,
als sich das Kriegesglück plötzlich wendete und die
Feinde überall siegten: Ein anhaltender Frost
begünstigte im Monath Januar 1795 ihr Unternehmen. Die
größten Ströme in den Niederlanden wurden mit einer
festen Eisbrücke belegt. Von diesem Augenblick an konnte
die Tapferkeit der Verbündeten den andringenden Feinden
keinen Widerstand mehr leisten. Sie zogen mit Geschütz
und Pulverwagen über die zugefrorenen Ströme. Die
Engländer und Hannoveraner nahmen ihren Rückzug durch
die Grafschaft BENTHEIM. Die Franzosen folgten ihnen auf
dem Fuß nach.

Den 22sten Februar wurde NEUENHAUS von ihnen
eingenommen. Den 13ten März eroberten sie BENTHEIM.
Weiter drangen sie nicht vor. Obschon sie nun wohl
versprochen hatten, unsere Grafschaft als ein
parteyloses Land behandeln zu wollen; so litten dennoch
die Einwohner sehr viel von der Last der Einquartierung
und den wiederholten Lieferungen von Fleisch und Brodt,
Hafer und Heu.

Im Jahre 1801 wurde der allgemeine Friede geschloßen.

Bernhard. Das freuet mich.

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Vater. Im Jahre 1803 brach der Krieg zwischen
ENGELAND und FRANKREICH wieder loß. Die FRANZOSEN nahmen
HANNOVER ein, und die Grafschaft litt viel von den
Durchmärschen. Dies war aber nur ein Vorspiel der
Bedrückungen welche sie einige Jahre später erdulden
mußte. BUONAPARTE von Geburt ein CORSIKANER schwang sich
im Jahr 1804 auf den Französischen Kaiserthron und
bezweckte nichts weniger als die Herrschaft über ganz
EUROPA. Nachdem er die Niederlande unterjocht hatte,
überfiel er Deutschland und als er auch dieses
größtentheils seinem Scepter unterworfen hatte,
marschierte er mit Hunderttausenden der tapfersten
Krieger nach RUSZLAND, wo der Allmächtige durch Hunger,
Kälte und Schwerdt seine Scharen vernichtete und seinen
Stolz demüthigte. Im Jahre 1806 gab er die Grafschaft
BENTHEIM seinem Schwager MÜRAT, den er zum Großherzog
von BERG erhoben hatte und fünf Jahre später sonderte er
sie von dem Großherzogthum BERG wieder ab und vereinigte
sie mit seinem Kaiserreiche.

Vater. Weiß du auch HEINRICH, zu welchem
DEPARTEMENT von Frankreich wir gehörten?

Heinrich. Zu dem DEPARTEMENT der LIPPE, dessen
Hauptort Münster war.

Vater. Wer regierte uns im Nahmen des Kaisers?

Heinrich. Ein französischer PREFEKT.

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Vater. Wie hieß dieser?

Heinrich. DÜSAILLANT.

Vater. Wie nannte man den Bürgermeister damals.

Bernhard. Das weiß ich,man nannte ihn MAIRE.

Vater. Und wie ging es uns unter dieser
französischen Regierung?

Heinrich. Schlecht, Vater! Alle jungen Leute
mußten Soldaten werden. Einige sind zurück gekommen,
aber viele auch in SPANIEN und RUSZLAND geblieben.

Vater. Es ist kein Dorf in unserer Grafschaft, wo
nicht Aeltern wohnen, die einen Sohn vermissen, über
dessen Leben oder Tod sie ungewiß sind.

Heinrich. Drückten die Franzosen uns nicht auch
durch schwere Abgaben?

Vater. Ja wohl thaten sie das. Sie hemmten den
Handel durch bewaffnete Zollbedienten, legten eine
ungeheure Abgabe auf das Salz, plagten die Bierbrauer
und Schenkwirthe durch ihre Aufseher und verboten den
Eingesessenen, Taback zu verkaufen, ja so gar zu
pflanzen. Der Kaiser NAPOLEON wollte allein
Tabacks-Händler seyn. Er lieferte aber schlechte Waare
zu dem höchsten Preise.

Heinrich. Dann hatte er gewiß an dem Taback einen
großen Gewinn.

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Vater. Das könnt ihr denken, da der schlechteste
Taback, dessen Werth man in einer ziemlichen Entfernung
an dem Geruch schätzen konnte, zu 24 Stüber das Pfund
verkauft wurde. Die armen Leute rauchten die Blätter von
Kartoffeln und andern Pflanzen

Wenn er noch länger regiert hätte, dann würde er und das
Trinken von Kaffee und Thee und den den
[sic!] Gebrauch
des Zuckers völlig abgewöhnt haben; denn das Pfund
Kaffee kostete drey Gulden und das Pfund Zucker zwey
Gulden und zehn Stüber.

Johanna. Nun bin ich froh, daß der französische
Kaiser nicht mehr unser Herr ist.

Vater. Wer sollte das nicht seyn? Obschon wir
auch den Kaffee, Thee und Zucker entbehren können, so
sehen wir doch nun unsere Brüder nicht mehr nach RUSZLAND
und SPANIEN marschieren und als Opfer des zügellosen
Ehrgeizes fallen. Auch haben wir in mancher andern
Hinsicht, bey der Niederlage dieses fremden Herrschers
vieles gewonnen. RELIGION und Sittlichkeit geriethen bey
dem immerwährenden Kriegsgethümmel in Verfall; so daß
ihr dem Allmächtigen für die Befreyung von diesem
fremden Joche nicht genug danken könnet.

Heinrich. Aber Vater! wie konnte der französische
Kaiser den in RUSZLAND erlittenen Verlust so bald
ersetzen? Die Schlacht von LEIPZIG ist ja lange nach
dieser Niederlage vorgefallen?

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Vater. Er rief alles zu den Waffen. Die PREFECTE
zwangen die Gemeinden, dem Kaiser Mannschaften und
Pferde, als ein freywilliges Geschenck dar zu bieten. So
ausgerüstet bot er noch einmal den verbündeten Mächten
die Spitze, bis das er in der schrecklichen Schlacht von
LEIPZIG den 18ten OCTOBER 1813 völlig besiegt nach
Frankreich zurück getrieben, und von dem Thron gestürzt
wurde.

Vater. Wisset ihr, auch noch, zu welcher Zeit die
ersten Kosacken hier erschienen?

Heinrich. War es nicht im Monath NOVEMBER 1813?

Vater. Ja den 10ten und 12ten NOVEMBER 1813 sahen
wir unsern Erlöser. Den 23ten dieses Monaths wurde die
Koniglich [sic!] Großbrittannisch Hannövrische Regierung
zur größten Freude aller Eingesessenen wieder
hergestellt.

Bernhard. Nun war es doch aus mit BUONAPARTE?

Vater. Er wußte sich noch einmal auf den Thron
Franckreichs zu erheben. Die Mächte EUROPA’s sahen sich
daher genöthigt, ihre tapferen Streiter noch einmal zum
Kampf zu führen. Auch unsere Grafschaft nahm dar Theil.
Ein Landwehr BATAILLON von 600 Mann marschierte im Jahre
1813 nach BRABAND, um vereinigt mit tausenden von
Waffenbrüdern aus HANNOVER, ENGELAND,

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PREUSSEN und den NIEDERLANDEN den Feind der Menschheit
zu bekämpfen

Am 18ten Junius 1815 fiel die ewig denkwürdige Schlacht
von WATERLOO vor, in welcher die Franzosen vollkommen
besiegt wurden.

Die Folge dieser Schlacht war eine zweyte Eroberung von
PARIS, die Wiedereinsetzung des rechtmäßigen Königs und
die Verbannung des unruhigen BUONAPARTE’s, dieses
Geißels der Menschheit – nach der entfernten Insel SANCT
HELENA.

Heinrich. Was ist seit dieser Zeit in unserm
Vaterlande vorgefallen?

Vater. S. K. H. der Prinz REGENT hat die Anzahl
der Soldaten beträchtlich vermindert, ein neues
Steuersystem eingeführt und den Oberkirchenrath der
Grafschaft BENTHEIM mit einigen Veränderungen wieder
hergestellt.

Bernhard. Weißt Du uns weiter nichts zu erzählen
Vater?

Vater. Dies noch, daß unser geliebter und
allgemein verehrter König GEORG der IIIte den 29ten
JANUAR 1820 zur größten Betrübniß aller seiner
Unterthanen gestorben ist und daß S. K. H. der Prinz
REGENT als GEORG der IVte den Thron von Großbrittannien
und HANNOVER bestiegen hat.

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Seine Majestät der verstorbene König hatte das hohe
Alter von 81 Jahre 7 Monathen und 25 Tage erreicht. Er
regierte mithin beynahe 60 Jahre.

Seine jetzt regierende Majestät GEORG der IVte ist den
12ten August 1762 geboren und folglich jetzt 59 Jahre
alt.

Heinrich. Wir danken Dir herzlich Vater für diese
angenehme und lehrreiche Unterhaltung.

Vater. Laß sie euch ermuntern zur ächten
Vaterlandsliebe, zum Danck gegen die gütige Vorsehung
und zum Vertrauen auf den Allmächtigen in der Zukunft.